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Die intellektuelle Anschauung bei Kant, Fichte und Schelling

31. August 2026/0 Kommentare/in III. Das cartesische Projekt, III.08 Schelling/von peterreins

Kant begründete die strenge Wissenschaftlichkeit der Geometrie und der Arithmetik damit, dass beide auf Anschauung beruhen würden.

Die Geometrie auf der Anschauung des Raumes, die Arithmetik auf der Anschauung der Zeit. Und das Wesen des mathematischen Beweises würde in Konstruktionen bestehen, die durch entsprechende Anschauungen getragen würden.

Da es nach Kant aber nur diese zwei Anschauungsformen gibt, erstens die räumliche und zweitens die zeitliche, aber keine wie auch immer geartete philosophische Anschauung, sah Kant einen wesentlichen Unterschied zwischen einem mathematischen und einem philosophischen Beweis. Ein mathematischer Beweis ist anschaulich-konstruktiv, während ein philosophischer Beweis immer ohne anschauliche Grundlage geführt werden müsse[1]. Nach Kant gibt es in der Mathematik eine synthetische Erkenntnis a priori genau wegen ihrer anschaulich-konstruktiven Komponente. Philosophische Erkenntnis ist dagegen entweder analytisch-tautologisch oder höchstens dann synthetisch, wenn der Philosoph die subjektiven Bedingungen untersucht, die Erfahrung a priori überhaupt ermöglichen. Der Philosoph wird in diesem Moment zu einem „Transzendentalphilosophen“.

Sieht man von der Transzendentalphilosophie ab, die nach Kant auch unanschaulich ist, gibt es bei Kant einen Dreiklang von Anschauung, Konstruktion und synthetischer Erkenntnis a priori. Alle drei gehören zusammen. Wo es keine Anschauung gibt, könne es keine Konstruktion geben. Jede Konstruktion beruhe auf Anschauung. Und in der Mathematik gibt es deswegen synthetische Erkenntnis a priori, weil die mathematischen Beweise konstruktiv-anschaulich sind.

Die intellektuelle Anschauung soll eine „Ich-Mathematik“ ermöglichen

Diesen Dreiklang übernahm Fichte. Worin er sich aber von Kant unterschied, war, dass er auch der Transzendentalphilosophie eine anschauliche Basis geben wollte, was Kant strikt ablehnte: nämlich die unmittelbare Gewissheit, dass jedes Bewusstsein zugleich Selbstbewusstsein ist, d.h. jedes „ich denke“ ist immer zugleich ein „ich denke, dass ich denke“. Diese unmittelbare Gewissheit nennt Fichte „intellektuelle Anschauung“[2]. Und so wie Raum und Zeit selbstverständlich und allgegenwärtig sind, ist auch die intellektuelle Anschauung selbstverständlich und allgegenwärtig:

„Ich kann keinen Schritt thun, weder Hand noch Fuss bewegen, ohne die intellectuelle Anschauung meines Selbstbewusstseyns in diesen Handlungen; nur durch diese Anschauung weiss ich, dass ich es thue, nur durch diese unterscheide ich mein Handeln und in demselben mich, von dem vorgefundenen Objecte des Handelns.“[3]

Diese intellektuelle Anschauung des Selbstbewusstseins, so meint Fichte, ermöglicht es, dass die Philosophie auf ähnliche Weise wie die Geometrie zu anschaulich-konstruktiven Erkenntnissen und somit zu synthetischen Erkenntnissen a priori gelangen kann. Die Philosophie wäre somit eine Art höhere Ich-Mathematik. Mehr noch: Eine solche philosophische Anschauung würde die Philosophie endlich zu einer so strengen Wissenschaft machen, wie es die Mathematik schon immer war. Die Philosophie könnte dann konstruktiv-anschaulich beweisen und zu synthetischen Erkenntnissen a priori gelangen, völlig analog dazu, wie es in der Geometrie geschieht.

So wie die räumliche Anschauung die erkenntnistheoretische Grundlage z.B. dafür ist, eine geometrische Linie zwischen zwei Punkten zu konstruieren, soll die intellektuelle Anschauung des Selbstbewusstseins die erkenntnistheoretische Grundlage für die Konstruktion des philosophischen Begriffs des reinen Ich sein. Fichte formuliert das so:

„[D]as erste Postulat: denke dich selbst, construiere den Begriff deiner selbst, und bemerke, wie du das tust.“[4]

Und dabei meint er insbesondere, dass man bei dieser Konstruktion des reinen Ich von allem Persönlichen und Individuellen abstrahieren soll. Das Ich ist dann auf wissenschaftliche Weise korrekt konstruiert, wenn man sich selbst in einem Akt der Freiheit als reines Ich denkt, das nichts anderes ist als ein sich selbst denkendes Denken. Dieses reine Ich ist streng zu unterscheiden von dem empirischen Ich, insofern von allem Persönlichen, Individuellen zu abstrahieren ist. Das reine Ich existiert bloß als wissenschaftliche Konstruktion, genauso wie die geometrische Linie im eigentlichen Sinne nur in der geometrischen Konstruktion existiert.

Das reine Ich ist nur, insofern es gerade konstruiert wird. Sobald man aufhört, sich als sich selbst denkendes Ich, abstrahiert von allem Individuellen, Persönlichen, zu denken, hört auch das reine Ich auf zu sein. So kann man es verstehen, wenn Fichte sagt, das reine Ich sei absolute Tätigkeit. So wie die Geometrie von der Konstruktion von Linien und Kreisen ausgeht, um jedes geometrische Theorem konstruktiv zu beweisen, soll Fichtes Wissenschaftslehre von der Konstruktion des reinen Ich ausgehen, um daraus alles Weitere konstruktiv herzuleiten.

Hierbei ist eines wichtig zu sehen: Fichte vollzieht eine Art Zweischritt. Erstens ist da die intellektuelle Anschauung des Selbstbewusstseins, die ebenso selbstverständlich und allgegenwärtig wie die räumliche und zeitliche Anschauung ist. Sie gibt die Grundlage dafür, dass in einem zweiten Schritt das reine Ich wissenschaftlich konstruiert wird. Also erstens: die intellektuelle Anschauung und zweitens, darauf fußend: die philosophische Konstruktion des reinen Ich.

Warum ist das wichtig? Weil nur so plausibel ist, wie Fichte überhaupt glauben konnte, dass seine abstrakten Spekulationen einen Wahrheitsgehalt haben können. Setzt man die Brille späterer Metaphysikkritiker auf, z.B. die des Wiener Kreises, dann entbehren so gut wie alle Aussagen, die Fichte macht, einer empirischen Basis. Ob das, was er sagt, wahr oder falsch ist, ist nicht anhand von konkreten Sinneswahrnehmungen oder Beobachtungen zu entscheiden. Das gilt aber auch für geometrische Theoreme. Dass z.B. die Winkelsumme eines Dreiecks immer 180° ist, ist weder wahr aufgrund von konkreten Messungen, noch aufgrund einer Induktion. Nein, es ist wahr, aufgrund geometrischer Konstruktionen, die zwar abstrakt sind, aber dennoch letztlich auf einer räumlichen Intuition beruhen. Genauso sollte die Philosophie nach Fichte nicht von konkreten empirischen Aussagen abhängen, sondern wahr sein aufgrund von abstrakten, dialektischen Konstruktionen, die aber im Grunde auf der unmittelbaren Gewissheit des Selbstbewusstseins beruhen sollten, eben dem, was Fichte intellektuelle Anschauung genannt hat.

Schelling identifiziert die intellektuelle Anschauung mit der Konstruktion des reinen Ich

Nun zu Schelling. Bei Schelling findet sich der Begriff „intellektuelle Anschauung“ spätestens im System des transzendentalen Idealismus (kurz System oder STI). Ähnlich wie bei Fichte soll sie die erkenntnistheoretische Grundlage seines Philosophierens darstellen. So schreibt er, sogar mit ausdrücklichem Verweis auf Fichte[5]:

„Das transcendentale Philosophiren muß […] beständig begleitet seyn von der intellektuellen Anschauung […]. Ohne diese Anschauung hat das Philosophiren  selbst kein Substrat, was das Denken trüge und unterstützte; jene Anschauung ist es, was im transcendentalen Denken an die Stelle der objectiven Welt tritt und gleichsam den Flug der Speculation trägt. […] so ist die intellektuelle Anschauung für [die Transzendental-Philosophie] eben das, was für die Geometrie der Raum ist. So wie ohne Anschauung des Raumes die Geometrie absolut unverständlich wäre, weil alle ihre Construktionen nur verschiedene Arten und Weisen sind jene Anschauung einzuschränken, so ohne die intellektuelle Anschauung alle Philosophie, weil alle ihre Begriffe nur verschiedene Einschränkungen des sich selbst zum Objekt habenden Producirens, d.h. der intellektuellen Anschauung. (Vergl. Fichtes Einleitung in die Wissenschaftslehre im Philosophischen Journal).“

Also sowohl Fichte als auch Schelling meinen, dass die Wahrheit und strenge Wissenschaftlichkeit der Philosophie auf der intellektuellen Anschauung beruhen würden, ähnlich wie die Wahrheit und Wissenschaftlichkeit der Geometrie auf der räumlichen Anschauung beruht. Und deswegen sei eine philosophische synthetische Erkenntnis a priori möglich, die konstruktiv beweisbar sei, in völliger Analogie zur geometrischen Erkenntnis.

Soweit die Übereinstimmung von Fichte und Schelling. Allerdings gibt es auch einen wesentlichen Unterschied. Bei Fichte ist die intellektuelle Anschauung eine selbstverständliche Gegebenheit, ähnlich wie die räumliche Anschauung, und bildet, wie gesagt, in einem zweiten Schritt die Grundlage für die wissenschaftliche Konstruktion des reinen Ich, zu der man sich nur mittels Abstraktion und in einem Akt des freien Willens aufschwingen kann. Bei Schelling hingegen ist die intellektuelle Anschauung nicht selbstverständlich gegeben, sondern muss selbst erst produziert werden. Schelling schreibt im § 4 STI[6]:

„[…], die Objecte des Transzendental-Philosophen existiren gar nicht, als insofern sie producirt werden.  – Zu dieser Production kann man nicht nöthigen […]. Gleichwohl beruht ebenso, wie die Existenz einer mathematischen Figur auf dem äußeren Sinn beruht, die ganze Realität der eines philosophischen Begriffs auf dem innern Sinn. Das ganze Object dieser Philosophie ist kein anderes als das Handeln der Intelligenz nach bestimmten Gesetzen. Dieses Handeln ist nur zu begreifen durch eigene unmittelbare innere Anschauung, und diese ist wiederum nur durch Produktion möglich.“ [meine Unterstreichungen]

Und Schelling setzt fort:

„Zum Verstehen der Philosophie sind also zwei Bedingungen erforderlich, erstens, daß man in einer beständigen innern Thätigkeit, in einem beständigen Produciren jener ursprünglichen Handlungen der Intelligenz, zweitens, daß man in beständiger Reflexion auf dieses Produciren, mit Einem Wort, daß man immer zugleich das Angeschaute (Producirende) und das Anschauende sey.“

Die intellektuelle Anschauung, die bei Fichte selbstverständlich gegeben ist, muss bei Schelling erst beim Philosophieren produziert werden. Anders formuliert: Das, was Fichte in zwei Schritte untergliedert (erstens intellektuelle Anschauung, zweitens Konstruktion des reinen Ich), vollzieht Schelling in einem einzigen Schritt. D.h. bei Schelling ist die intellektuelle Anschauung identisch mit der Konstruktion des reinen sich selbst denkenden Ich.

Hegels Differenz-Schrift: Fichte würde ohne intellektuelle Anschauung philosophieren

Das mag als ein unwesentlicher Unterschied erscheinen. Aber die Konsequenz ist, dass Schelling ein anderes Wahrheitskriterium hat als Fichte. Fichte geht von der intellektuellen Anschauung aus, danach konstruiert er, auf der intellektuellen Anschauung gründend, mittels seiner dialektischen Methode Aussagen. Wahr sind nach Fichte solche Aussagen, die mittels einer korrekten Anwendung der dialektischen Methode konstruiert worden sind. Solche Aussagen hingegen wären falsch, die aufgrund einer fehlerhaften Anwendung der dialektischen Methode zustande gekommen sind. Um hier wieder die Geometrie-Analogie zu bemühen: Fichtes Wahrheitskriterium entspricht dem normalen Vorgehen in der Geometrie, wonach ein geometrischer Beweis dann zu korrekten Ergebnissen führt, wenn man Zirkel und Lineal auf korrekte Weise verwendet. Mache ich aber Fehler bei der geometrischen Konstruktion, dann wird auch das Ergebnis fehlerhaft sein. Verschiebe ich z.B. während des Zeichnens einer Linie das Lineal, dann werde ich keine korrekt gezogene Strecke erhalten, so dass ich diese Konstruktion bei keinem geometrischen Beweis verwenden kann.

Schellings Wahrheitskriterium hingegen ist die Identität der intellektuellen Anschauung selbst. Wahr ist nach Schelling diejenige Aussage, durch die eine intellektuelle Anschauung produziert, d.h. konstruiert wird, und das bedeutet: dass eine vollkommene Synthese von Gegensätzen erreicht wird.  Falsch ist eine Aussage, bei der es zu keiner intellektuellen Anschauung kommt, bei der Gegensätze vollständig oder teilweise unversöhnt bleiben. Die Analogie zur Geometrie ist wie folgt: Schellings Wahrheitskriterium würde einer Geometrie entsprechen, bei der eine geometrische Aussage dann als wahr gilt, wenn sie überhaupt eine räumliche Anschauung ermöglicht, während eine solche Aussage als falsch gilt, wenn sie eine räumliche Anschauung nicht ermöglicht.

Ein hervorragendes Beispiel für die Anwendung des Schellingschen Wahrheitskriteriums gibt Hegel mit seiner Differenz-Schrift[7]. Darin geriert er sich als Parteigänger Schellings und als Kritiker Fichtes. Wie wichtig Hegels Meinung nach die intellektuelle Anschauung, die er auch manchmal „transzendentale“ Anschauung nennt, kann man folgenden Zitat entnehmen:

„Es ist von der tiefsten Bedeutung, daß mit so vielem Ernste behauptet worden ist, ohne transzendentale Anschauung könne nicht philosophiert werden. Was hieße denn, ohne Anschauung philosophieren? In absoluten Endlichkeiten sich endlos zerstreuen […].“[8]

Ein Philosophieren ohne intellektuelle Anschauung hält Hegel also für möglich. Allerdings ist die Philosophie dann ohne Wahrheits-Grundlage und somit falsch. Was Hegel Fichte vorwirft, ist nun folgendes: Fichte habe zwar sein System mit der Identität der intellektuellen Anschauung begonnen, habe dann aber im Fortgang seines Philosophierens diese Grundlage verloren, weswegen Fichtes System falsch ist. Schellings Philosophie hingegen sei wahr, weil sie durchgängig die Identität der intellektuellen Anschauung durchhält.

Bezogen auf Fichtes korrekten Anfang schreibt Hegel:

„Die Grundlage des Fichteschen Systems ist die intellektuelle Anschauung, reines Denken seiner selbst, reines Selbstbewusstsein Ich = Ich; das Absolute ist Subjekt-Objekt, und Ich ist diese Identität des Subjekts und Objekts.“ (S. 52)

Im weiteren Verlauf der Differenz-Schrift kritisiert Hegel u.a. die nachfolgenden Punkte:

1) Vielheit der Grundsätze

Im ersten Teil seiner Wissenschaftslehre behandelt Fichte bekanntlich drei Grundsätze, wobei der erste Grundsatz Ich=Ich ist. Dieser Grundsatz drückt nach Hegel die intellektuelle Anschauung des reinen Selbstbewusstseins aus. Von der intellektuellen Anschauung behauptet Hegel, dass sie „das absolute Prinzip, der einzige Realgrund und feste Standpunkt der Philosophie“ (S. 114) sei. Dass Fichte von diesem absoluten Prinzip ausgeht, sei zunächst vollkommen richtig. Aber dadurch, dass Fichte noch zwei weitere Grundsätze neben diesen ersten Grundsatz stellt, würde er den ersten Grundsatz relativieren und ihm so seine Absolutheit nehmen: S. 57

„Aus dieser Mehrheit der absoluten Akte folgt unmittelbar, daß diese Akte und die Grundsätze nur relative […] sind.“

Schelling hingegen geht im System nur von einem einzigen absoluten Prinzip aus.

2) Unzureichende Versöhnung von Ich und Nicht-Ich durch Fichtes Einbildungskraft

Die theoretische Philosophie endet bei Fichte mit der Schlusssynthese, die durch den Begriff der Einbildungskraft gewährleistet wird. Konkret argumentiert Fichte in etwa wie folgt: Das Ich ist unendliche Tätigkeit, so dass es eines unerklärlichen, völlig unbestimmten Anstoßes bedarf, damit dem Ich ein Nicht-Ich entgegengesetzt wird. Ich und Nicht-Ich sind sich vollkommen entgegengesetzt, so dass ein direktes Aufeinandertreffen eine Auslöschung beider bedeuten würde. Daher können sie nur insofern zusammentreffen, als sie durch eine Grenze getrennt werden.

Die Grenze, in der (endliches) Ich und Nicht-Ich zusammentreffen wird durch die Einbildungskraft produziert. Diese gemeinsame Grenze zwischen Ich und Nicht-Ich hält die beiden auseinander, wodurch erst beide als Subjekt und Objekt gesetzt werden. Dies erfordert aber eine die Grenze überschreitende, ins Unendliche gehende Tätigkeit. Eine Grenze, sowie die durch sie Getrennten bewusst zu setzen, bedeutet: das Getrennte zusammenzufassen und damit über die Grenze hinauszugehen. Umgekehrt kann sich das Ich seiner Unendlichkeit nicht bewusst sein, wenn es keine Grenze überschreitet. Es bleibt also immer nur bei einem Vereinigungsversuch. So produziert die Einbildungskraft immer wieder eine neue Grenze, die sie dann wieder überschreitet, woraufhin wieder eine neue Grenze produziert wird, etc. etc. Die Einbildungskraft nimmt den Vereinigungsversuch immer und immer aufs Neue vor, so dass sie gewissermaßen zwischen dem Unendlichen und dem Endlichen oszilliert. Fichte drückt sich auch so aus: Die Einbildungskraft würde zwischen dem Unendlichen und dem Endlichen schweben.  Auf den Punkt zusammengefasst formuliert Hegel es so:

„Die produktive Einbildungskraft ist ein Schweben zwischen absolut Entgegengesetzten, die sie nur in der Grenze synthetisieren, aber der entgegengesetzte Faktoren sich nicht vereinigen kann.“ S. 64

Die Vereinigung von Ich und Nicht-Ich bleibt eine unendliche, letztlich unlösbare Aufgabe. Hegel kritisiert, dass so die durch Fichtes Einbildungskraft erreichte Identität nur „unvollständig und oberflächlich“ sei (S. 65).

So kann Fichte das Prinzip Ich=Ich nicht im Produzieren der Einbildungskraft nachweisen, so dass Fichtes theoretische Philosophie in der Nicht-Identität verharrt und eine letztgültige, wirklich Aussöhnung der Gegensätze nicht gelingt. Dieses Misslingen führt Hegel darauf zurück, dass Fichte zwar mit der intellektuellen Anschauung des Selbstbewusstseins beginnt, später aber unfähig ist, sie aufrecht zu erhalten.

Hier erkennt man mustergültig Schellings Wahrheitskriterium. Nach Hegel sind Fichtes Aussagen zum Anstoß und zur Einbildungskraft nicht etwa deswegen falsch, weil sie nicht mit den Tatsachen übereinstimmen oder weil er einen logischen Herleitungsfehler begangen hat, sondern weil sie Gegensätze unversöhnt nebeneinander stehen lassen und somit die vollständige Identität der intellektuellen Anschauung nicht erreicht wird.

3) Auch mit seiner praktischen Philosophie gelingt Fichte keine Versöhnung der Gegensätze

Bei Fichte soll die praktische Vernunft die Synthese sein von absolutem Ich und theoretischer Intelligenz. Das absolute Ich ist, wie gesagt, die reine Tätigkeit des sich selbst setzenden Ich, alle Realität umfassend, eine ins Unendliche gehende Tätigkeit. Fichte behauptet nun, dass das Ich nicht nur in diesem absoluten Sein verharren kann, es muss sich dieses Seins auch bewusst sein, um im wahrhaften Sinne Ich zu sein.  Das heißt, es muss über sein eigenes Sein reflektieren[9].

Dazu würde es den Anstoß durch ein Nicht-Ich brauchen, wodurch einerseits das faktische, endliche Bewusstsein gesetzt wird, zusammen mit der realen Welt, die ein Werk der produktiven Einbildungskraft ist. Andererseits ist der Anstoß ja nur zustande gekommen, weil das Ich sich selbst erkennen will. Damit ist gefordert, dass die reale Welt so zu sein hat, dass sie mit dem absoluten Ich identisch ist. Das ist sie aber faktisch nicht. Die Welt, wie sie sein soll, aber faktisch nicht ist, ist vielmehr eine ideale Welt. Das Ich ist praktische Vernunft, insofern es danach strebt, diese ideale Welt zu verwirklichen.

Nach Fichte steckt das Ich damit in einem unlösbaren Dilemma. Es ist einerseits Streben und soll die ideale Welt verwirklichen, um die Realität in vollkommenen Einklang mit dem Ich zu bringen[10]. Sobald es diesen Einklang aber tatsächlich erreichen würde, würde die Realität ihren Stachel verlieren, würde nicht mehr als widerstrebendes Nicht-Ich empfunden werden: und damit wäre auch die Selbstreflektion des Ich beendet. Der Widerstand muss sein, damit sich das Ich seiner selbst bewusst wird. So wird eine reale Welt gesetzt, die zu überwinden sich das Ich aufgefordert fühlt. So strebt das Ich über die reale Welt hinaus zu einer unerreichbaren idealen Welt, die zwar vollkommen mit dem Ich übereinstimmen würde, damit aber auch die Selbstreflektion beenden würde.

Hegel kritisiert, dass Fichte nur deswegen versucht, die praktische Vernunft als Synthese von absolutem Ich und theoretischer Vernunft zu erklären, weil Fichte es nicht gelungen sei, die Identität des Ich=Ich in der theoretischen Philosophie aufweisen. Aber auch mit seiner praktischen Philosophie würde Fichte nicht die ursprüngliche Identität des Ich=Ich beibehalten. Fichtes praktische Philosophie würde im Sollen bleiben:

„Ich gleich Ich verwandelt sich in: Ich soll gleich Ich sein; das Resultat des Systems kehr nicht in seinen Anfang zurück“ S. 68

Dies führt zu dem geschilderten nie enden wollenden, unendlichen Prozess. Hegel beschreibt ihn so:

„Das in Ewigkeit verlängerte Dasein schließt beides, Unendlichkeit der Idee und Anschauung in sich, aber beides in solchen Formen, die ihre Synthese unmöglich macht.“

Und er kommt zu dem Schluss:

„Sowenig das theoretische Vermögen des Ich zur absoluten Selbstanschauung gelangen konnte, sowenig kann es das praktische“ S. 69

Nach Hegel habe Fichtes System das „Prinzip der Nichtidentität“ in sich. Die absolute Identität sei bei ihm nur als Idee vorhanden, würde aber nicht tatsächlich in seiner Philosophie realisiert werden. S. 71

Also auch hier ist Hegels Argument nicht, dass Fichtes praktische Philosophie falsch ist, weil sie nicht mit Tatsachen übereinstimmen würde oder weil Fichte einen logischen Fehler begangen hätte. Er hält sie vielmehr deswegen für falsch, weil sie nicht wieder zurück findet zur Identität der intellektuellen Anschauung.

So beginnt Fichte sowohl seine theoretische, als auch seine praktische Philosophie mit der intellektuellen Anschauung des Selbstbewusstseins, gewissermaßen als Anspruch, verliert sie aber beide Male im Endergebnis. Und deswegen ist Fichtes Philosophie sowohl nach Schelling, als auch nach Hegel falsch. Das wäre so, als würde ein Mathematiker zwar mit den korrekten, durch räumliche Anschauung begründete Axiome beginnen, aber im Laufe seiner Beweise seine räumlich-anschauliche Basis verlieren, so dass seine Theoreme ohne Wahrheitsgehalt sind.

4) Tote Natur versus beseelte Natur

In einem weiteren Punkt nimmt Hegel eine Kritik auf, die bereits F.H. Jacobi in seiner Schrift David Hume (DH)[11] formuliert hat, allerdings bezogen auf Kant. Jacobis Meinung nach läuft Kants Philosophie darauf hinaus, die reale, objektive Welt als etwas dem menschlichen Geist vollkommen Fremdes aufzufassen. Was die realen Dinge an sich sind, könne man nicht wissen. Zwar sehe ich z.B. eine Katze vor mir, aber das tue ich nur, indem mein Verstand verschiedene Sinndesdaten zu einer Einheit zusammenfasst, die dich dann „Katze“ nenne. Ob das was ich sehe, nicht nur etwas ist, was ich sozusagen subjektiv-äußerlich über die Sinnesdaten stülpe, sondern objektiv in der Sache selbst eine real lebende Katze ist, kann man nach Kants Erkenntnistheorie nicht entscheiden. Und man kann es ebenso wenig nach Fichtes Wissenschaftslehre entscheiden.

Jacobi sagt nun, dass es ein reales Individuum, d.h. ein wahrhaft wirkliches Ding nur als „organisches Wesen“ geben kann, das man auffassen muss als „aus Leib und Seele“ zusammengesetzt, „indem Leib und Seele gegenseitig sich dergestalt auf einander beziehen, daß keins ohne das andre natürlicher Weise bestehen kann.“ (DH S. 84) Jacobi bezieht sich dabei auf die Philosophie von Leibniz. Eine beseelt aufgefasste Natur ist eine lebendige Natur, die dem menschlichen Geist zugänglich ist. Kant als auch Fichte hingegen begreifen die Natur als etwas Totes, Unbeseeltes und dem Geist zutiefst Fremdartiges, eben als ein Nicht-Ich, das dem Ich vollkommen entgegengesetzt ist.

Hegel interpretiert Fichtes Naturauffassung so, dass Fichte im Fortgang seines Systems die intellektuelle Anschauung abhanden gekommen sei. Die Identität von Subjekt und Objekt, mit der sich die Vernunft selbst anschaut, sei nach der Seite des Subjektiven hin zu einem Absoluten erhoben. Fichte habe es unterlassen, diese absolute Identität auch auf der Seite des Objektiven zu sehen. (Differenz-Schrift S. 94) Hätte er es getan, so wie es Schelling tut, dann hätte er die Natur durch etwas lebendiges Geistig-Subjektives beseelt erkannt.

Hier erkennt man mustergültig Schellings Wahrheitskriterium. Nach Hegel sind Fichtes Aussagen zum Anstoß und zur Einbildungskraft nicht etwas deswegen falsch, weil sie nicht mit den Tatsachen übereinstimmen oder weil er einen logischen Herleitungsfehler begangen hat, sondern weil sie Gegensätze unversöhnt nebeneinander stehen lassen und somit die vollständige Identität der intellektuellen Anschauung nicht erreicht wird.

[1] KrV B, transzendentale Methodenlehre, S. 740 ff.

[2] Ich muss allerdings ergänzen, dass Fichte das so nicht von Anfang an ausdrücklich formuliert hat. In seiner Wissenschaftslehre von 1794/95 kommt der Begriff „intellektuelle Anschauung“ noch nicht vor. Übrigens auch nicht in Schellings Frühschriften. Erst in seiner Zweiten Einleitung in die Wissenschaftslehre von 1797 spricht Fichte explizit von einer „intellectuellen Anschauung“, um seiner Wissenschaftslehre im Nachhinein ein erkenntnistheoretisches Fundament zu geben.

[3] Zweite Einleitung, FW I, S. 463.

[4] Zweite Einleitung, FW I, S. 458.

[5] STI AS S. 437 f.

[6] STI § 4, AS S. 418 f.

[7] Hegel: Darstellung des Fichteschen und Schellingschen Systems der Philosophie (1801), Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 602, S. 9-140. Kurz: Differenz-Schrift.

[8] Hegel: Differenz-Schrift, S. 42.

[9] FW I, S. 275.

[10] FW 1, S. 260.

[11] Jacobi: David Hume über den Glauben oder Idealismus und Realismus. Ein Gespräch (1787), kurz DH. Philosophischen Bibliothek Band 719, Meiner, 2019.

0 0 peterreins peterreins2026-08-31 13:46:172026-08-31 13:46:17Die intellektuelle Anschauung bei Kant, Fichte und Schelling
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