Das cartesische Projekt – Einleitung

Jeder philosophisch ungebildete Mensch hält es für selbstverständlich, dass die Welt unabhängig von ihm existiert. Der Apfel, den ich gerade gekauft habe, wuchs heran, wurde geerntet, war in dem Laden, lange bevor ich ihn wahrgenommen habe. Wenn ich ihn zuhause in die Obstschale lege, dann wird er dort liegen, auch wenn ich die Wohnung verlasse und nicht mehr an ihn denke. Warum sollte er auch in dem Moment auftauchen oder verschwinden, je nachdem ob ich ihm Aufmerksamkeit zuwende oder nicht? Und wenn jemand anderes diesen Apfel sieht, dann wird er derselbe Apfel sein, den auch ich gesehen habe. So denkt man als gewöhnlicher, „normaler“ Mensch. Man glaubt an eine objektive Wirklichkeit, die im Wesentlichen für uns alle gleich ist und die existiert, egal ob ich sie wahrnehme oder an sie denke. Diese Position des sog. gesunden Menschenverstandes wird auch „naiver Realismus“ genannt.

Manche Menschen aber fangen an zu philosophieren und halten es für besonders tiefsinnig zu sagen, dass alles nur subjektiv sei. Was der Apfel sein soll, wenn ich ihn nicht wahrnehme oder nicht an ihn denke, erscheint dann als höchst problematisch. Welchen Beleg habe ich dafür, dass er unabhängig von mir existiert? Als Musterbeispiel für solche Überlegungen dient oft die Farbe. Welche Farbe nämlich soll der Apfel haben, wenn ihn niemand sieht? Ferner: Wie kann man sicherstellen, dass ich an dem Apfel dasselbe Rot sehe wie ein anderer Mensch? Offenbar kann ich ja nicht durch die Augen des anderen sehen, und er nicht durch meine. Vielleicht sieht der andere generell die Welt anders als ich? Und das führt zu der Idee:

Jeder hat seine eigene Welt, alles ist subjektiv, nichts ist wirklich objektiv.

Denn eines ist klar. An allem, was ich für wahr und wirklich halte, kann ich anhängen: „ich denke, dass …“, „ich nehme wahr, dass …“, „ich meine, dass …“ oder ähnliches. Um dieser Position einen Namen zu geben, nenne ich sie im Folgenden „Subjektivismus“.

Es war Descartes, der den philosophischen Fokus erstmals auf das erkennende Subjekt gelenkt hat. Er zweifelte an allem und kam schließlich auf das denkende Ich und seine subjektiven Bewusstseinserlebnisse, die man nicht weiter hinterfragen könne und deswegen absolut gewiss seien. Descartes hoffte, mit dem Ich und seinen Bewusstseinserlebnissen der Philosophie bzw. überhaupt der Wissenschaft ein absolut sicheres Fundament geben zu können, was man als „cartesische Projekt“ bezeichnen könnte. Seitdem ist das Ich mit seinen subjektiven Bewusstseinserlebnissen Gegenstand unzähliger philosophischer Untersuchungen, z.B.:

  • Descartes: Meditationen über die Grundlagen der Philosophie (1641)
  • John Locke: Versuch über den menschlichen Verstand (1690),
  • George Berkeley: Abhandlung über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis (1710)
  • David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand (1748)
  • Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft (1781)
  • Johann Gottlieb Fichte: Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre (1794/95)
  • F. Hegel: Phänomenologie des Geistes (1807)
  • etc.

All diese Philosophen nehmen das Ich mit seinen subjektiven Bewusstseinserlebnissen als sichere, unanzweifelbare Basis für all ihre weiteren Überlegungen an. Nun beansprucht die Wissenschaft, Erkenntnisse über die Außenwelt mit objektiver Gültigkeit gewinnen zu können. Damit kommt man aber sofort in ein philosophisches Dilemma:

Wie kann einerseits alles subjektiv sein, andererseits aber objektives Wissen möglich sein?

Will man das Ich zum unbedingten Ausgangspunkt der Wissenschaft machen, wie es ja das cartesische Projekt beanspruchte, dann hat man zwar die absolute Gewissheit der subjektiven Bewusstseinserlebnisse, aber der Weg zurück zur objektiven Wirklichkeit ist mehr als dornig. Jedenfalls bissen sich die oben genannten Philosophen daran die Zähne aus. Und unterm Strich muss man (leider) konstatieren, dass sie alle bei dem Versuch, die objektive Wirklichkeit alleine aus der Subjektivität des Ichs herzuleiten, gescheitert sind.

Ich werde nachfolgend die Geschichte dieses Scheiterns erzählen. Dabei wird die Logik eine gewisse Rolle spielen. Denn noch mehr als die empirischen Wissenschaften beansprucht die Logik objektive Gültigkeit. Ob ich etwas so wahrnehme, wie eine andere Person, darüber lässt sich streiten. Dass aber aus A->B und A notwendigerweise B folgt, ist allgemein völlig unstrittig. Auch die genannten Philosophen von Descartes bis Kant hielten zwar die Existenz der materiellen Welt für zweifelhaft, an der Gültigkeit der Logik aber zweifelten sie keine Sekunde. Ansonsten würde es auch keinen Sinn machen, Bücher zu veröffentlichen, um andere von ihren Theorien zu überzeugen. Jeder kann für sich selbst über sein subjektives Denken und Wahrnehmen reflektieren. Dass die Schlussfolgerungen daraus aber allgemeingültig sind, setzt die Annahme einer objektiv gültigen Logik voraus, die für alle Menschen gleichermaßen bindend ist.

Wenn man wirklich konsequent sein will und alles aus den Bewusstseinserlebnissen des Ichs herleiten will, dann müsste auch die Logik daraus hergeleitet werden. Dass das so ist, wurde einigen Philosophen im Laufe des 19. Jahrhunderts klar. Dazu gehörten unter anderem J.St. Mill, J.F. Herbart, W. Wundt, Chr. von Sigwart, Th. Lipps. Sie alle versuchten die Logik mit psychologischen Mitteln zu begründen. Wäre es ihnen gelungen, dann hätten sie damit tatsächlich das cartesische Projekt vollendet.

Doch bald formierte sich eine Gegenbewegung. Gottlob Frege, Edmund Husserl als auch G.E. Moore meinten, dass Logik kein Teilbereich der Psychologie sein könne. Denn die Psychologie ist eine empirische Naturwissenschaft, psychologische Gesetze müssen durch Induktion gefunden, so dass sie nie exakt und bestenfalls wahrscheinlich sind. Logische Gesetze sind aber sowohl exakt als auch (wie es scheint) absolut gewiss. Logische Gesetze beanspruchen objektive Gültigkeit, Aussagen sind wahr oder falsch, unabhängig von davon, was psychisch in einem Menschen vorgeht.

  • Frege veröffentlichte zwischen 1891-1892 die Aufsätze: Funktion und Begriff, Über Begriff und Gegenstand, Sinn und Bedeutung, sowie zwischen 1918-1919 den Aufsatz: Der Gedanke – Eine logische Untersuchung.
  • E. Moore: The Nature of Judgment (1899), sowie The Refutation of Idealism (1903)
  • Husserl: Logische Untersuchungen (1900/1901).

Frege, Moore und der frühe Husserl schossen allerdings ein wenig über das Ziel hinaus. Denn um die objektive Gültigkeit der Logik zu erklären, wurden sie zu ontologischen Platonikern. Sie nahmen nämlich an, dass abstrakte Gegenstände, wie Zahlen, geometrische Figuren, aber auch die Bedeutungen von Aussagen auf ideale Weise existieren würden, unabhängig davon, ob sie von jemanden gedacht werden oder nicht. Das führte zu einer Überfülle vermeintlich ideal existierender Dinge. Beispielsweise müsste dann auch die Idee von bunten Einhörnern eine für sich seiende Existenz haben, da sie ja die Bedeutung des Ausdrucks „buntes Einhorn“ ist.

Um diesen Wildwuchs ideal existierender Gegenstände wieder in den Griff zu bekommen, war Russells Kennzeichnungstheorie, sowie seine analytische Methode ein wichtiger Schritt. Ihm gelang es mit formal-logischen Mitteln, unnötige ontologische Annahmen zu beseitigen.

  • On denoting, ein Artikel, der 1905 in der Zeitschrift Mind erschienen ist.

Ein zweiter wichtiger Schritt war Wittgensteins „linguistische Wende“ im

  • Tractatus Logico-Philosophicus (TLP) von 1921.

Nach Wittgenstein muss es nicht weiter reduzierbare Elementarsätze geben. Und jede sinnvolle Aussage ist eine Wahrheitsfunktionen solcher Elementarsätze. Das heißt: Ob eine Aussage wahr oder falsch ist, hängt alleine von der Wahrheit bzw. Falschheit der zugrundeliegenden Elementarsätze ab. Hat man nun eine Aussage, die immer wahr ist, egal welche W/F-Belegung der zugehörigen Elementarsätze man wählt, dann handelt es sich um eine Tautologie. Eine Tautologie ist somit wahr ausschließlich aufgrund ihrer sprachlichen Struktur. Nun behauptet Wittgenstein, dass logische Gesetze und mathematische Sätze nichts anderes als Tautologien sind. Auf diese Weise kann Wittgenstein auf die ideellen Wesenheiten Freges, Moores und Husserls verzichten. Wittgenstein führt die notwendige Gültigkeit logischer und mathematischer Aussagen einfach auf die Sprache zurück.

Dank Wittgenstein konnte das cartesische Projekt wiederbelebt werden. Man musste die Elementarsätze nur als den Ausdruck einfachster Wahrnehmungserlebnisse verstehen. Die Logik, die dem cartesischen Projekt bislang immer einen Strich durch die Rechnung machte, stellte nun keine Schwierigkeit mehr dar. Denn man führte sie jetzt, wie gesagt, einfach auf Sprachkonventionen zurück. So tat es Bertrand Russell mit seiner Philosophie des logischen Atomismus, sowie einige Mitglieder des Wiener Kreises, beispielsweise Moritz Schlick und Rudolf Carnap.

Damit verlagerte sich aber das Problem der Objektivität auf die Elementarsätze beziehungsweise, wie man sie auch im Wiener Kreis nannte: die Protokollsätze. Jedenfalls wurde in den 1930er-Jahren die sogenannte Protokollsatzdebatte entfacht. Auf der einen Seite standen Denker, wie Bertrand Russell, Moritz Schlick und (zumindest zeitweise) Rudolf Carnap, die darauf beharrten, dass sich Protokollsätze auf rein subjektive, unmittelbare Sinneserlebnisse beziehen müssen.

  • Russel: The Philosophy of Logical Atomism (1918-1919), sowie The Analysis of Mind (1921)
  • Schlick: Über das Fundament der Erkenntnis (Aufsatz von 1934)
  • Carnap: Der logische Aufbau der Welt (1928), sowie Universalsprache (Aufsatz von 1930)

Auf der anderen Seite standen Otto Neurath, Karl Popper, der spätere Carnap, in einem gewissen Sinne auch der späte Ludwig Wittgenstein und schließlich Quine.

  • Neurath: Protokollsätze (Aufsatz von 1932)
  • Popper: Logik der Forschung (1934)
  • Carnap: Über Protokollsätze (Aufsatz von 1932-1934), sowie Testability and Meaning (1935)
  • Wittgenstein: Über Gewissheit (Entstehung 1950-1951, veröffentlicht 1969)
  • W.V.O. Quine: Word and Object (1960)

Wie sehr sich diese Denker auch im Detail unterscheiden, in einem Punkt stimmen sie überein: Sie haben das cartesische Projekt definitiv ad acta gelegt, übrigens auch den Anspruch auf absolute, unumstößliche Wahrheit.  Natürlich schreitet die Philosophie voran und vielleicht gelingt es doch irgendwann einmal einem Philosophen, das cartesische Projekt zu vollenden. Es scheint aber doch so zu sein, dass etwa in der Mitte des 20. Jahrhunderts eine philosophiegeschichtliche Epoche zu Ende gegangen ist, die immerhin 300 Jahre andauerte: Der Versuch zahlreicher neuzeitlicher Philosophen, der objektiven Wissenschaft ein absolut gewisses Fundament mittels des Ichs und seinen subjektiven Bewusstseinserlebnissen zu verschaffen. Es ist eine Geschichte des Scheiterns. Sie zu studieren kann aber sehr spannend und vor allem auch sehr lehrreich sein. Zumal es dabei hilft Behauptungen, alles sei bloß subjektiv, in einem anderen Licht zu sehen.

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