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Kants Kategorien in Fichtes Wissenschaftslehre

9. Juni 2026/0 Kommentare/in III. Das cartesische Projekt, III.07 Fichte/von peterreins

Kant hat aus der traditionellen Logik eine Klassifizierung der Urteile übernommen, der gemäß alle Urteile nach Quantität, Qualität, Relation und Modalität gruppiert werden.

Beispielsweise unterscheidet Kant bezogen auf die Qualität:

  • Bejahende Urteile: „A ist B“
  • Verneinende Urteile: „A ist nicht B“
  • unendliche Urteile: „A ist nicht-B“

Und bezogen auf die Relation unterscheidet Kant:

  • Kategorische Urteile: „A ist B“
  • Hypothetische Urteile: „Wenn A, dann B.“
  • Disjunktive Urteile: „A ist B oder C.“

Auf dieser logischen Klassifizierung von Urteilen basiert Kants sog. Kategorientafel, die er einteilt in Kategorien der Quantität, der Qualität, der Relation und der Modalität. Diese Kategorien hält Kant deswegen für erkenntnistheoretisch bedeutsam, weil sie die Bedingung dafür darstellen, dass für uns überhaupt Erfahrung möglich ist. Bezogen auf die Qualität unterscheidet Kant:

  • die Kategorie der Realität
  • die Kategorie der Negation
  • die Kategorie der Limitation.

Bezogen auf die Relation unterscheidet Kant:

  • die Kategorie von Substanz und Akzidenz
  • die Kategorie Kausalität: Ursache und Wirkung
  • die Kategorie der Gemeinschaft: Wechselwirkung zwischen Handelnden und Leidenden

Kants Argumentationsrichtung geht von der Klassifizierung der Urteile in der Logik hin zu den philosophisch-erkenntnistheoretischen Kategorien. Das Bindeglied zwischen beiden ist die Deduktion der reinen Verstandesbegriffe. Auch hier sieht man, dass Kant die Logik voraussetzt.

Fichte hingegen will die Logik selbst begründen. Deswegen kann er die Kategorien nicht aus der logischen Klassifizierung der Urteile ableiten. Er muss also einen anderen Weg gehen, die Kategorien noch vor der Logik zu begründen. Das tut Fichte mit Bezug auf die Kategorien der Qualität im ersten Teil der GWL und mit Bezug auf die Kategorien der Relation im zweiten Teil der GWL.

Die Kategorien der Qualität im ersten Teil der GWL

Im § 1 der GWL beginnt seine Heuristik mit dem bejahenden Urteil „A ist A“ und endet mit dem philosophischen Prinzip Ich=Ich. Fichte identifiziert dieses Prinzip mit der Kategorie der Realität. Denn das Prinzip Ich=Ich ist auf einem solch hohem Abstraktionsniveau, dass hier außer dem Ich, das nicht wegzuleugnen ist, nichts mehr übrig geblieben ist. Anders formuliert: Vom Standpunkt des ersten Grundsatzes aus ist das Ich alle Realität.

Für die Heuristik des zweiten Grundsatzes geht Fichte von dem verneinenden Urteil „Nicht-A ist nicht A“ aus und konstruiert auf höchst abstrakte Weise das Nicht-Ich aus dem Ich. Wenn man so will, drückt der zweite Grundsatz „Nicht-Ich ist nicht Ich“ die Negation schlechthin aus. Denn wenn man auf dem höchsten Abstraktionsniveau nur noch das Ich als die Summe aller Realität hat, dann ist das Nicht-Ich das Nichts oder die absolute Negation, die Abwesenheit jeglicher Realität. Folglich korrespondiert der zweite Grundsatz der Wissenschaftslehre mit Kants Kategorie der Negation.

Der dritte Grundsatz wird nicht gefunden, sondern aus dem zweiten Grundsatz dialektisch hergeleitet. Darin wird das Nicht-Ich nicht als vollkommene Negation des Ich konstruiert, sondern so, dass sich Ich und Nicht-Ich nur gegenseitig einschränken. Die Realität soll auf das Ich und das Nicht-Ich aufgeteilt werden. Das Nicht-Ich ist dann nicht mehr die völlige Abwesenheit von Realität, sondern es hat ein gewisses Maß an Realität, genauso wie das Ich ein bestimmtes Maß an Realität hat. Das wiederum entspricht Kants Kategorie der Limitation.

Die Kategorien der Relation im zweiten Teil der GWL

Aus systematischen Gründen ist es erstaunlich, dass Fichte in der GWL kein Wort verliert über die Kategorien der Quantität und der Modalität. Um so bedeutender sind für Fichte offenbar die Kategorien der Relation. Die verschiedenen Abschnitte dieses Teils werden klar erkennbar bestimmten Kategorien zugeordnet:

  • Abschnitt B: Kategorie der Wechselwirkung zwischen Handelnden und Leidenden
  • Abschnitt C: Kategorie der Kausalität
  • Abschnitt D: Kategorie der Substantialität

Fichtes Kategorien sind nicht Kants Kategorien

Allerdings haben Fichtes Kategorien in eine andere Bedeutung als bei Kant. Bei Kant sind es sog. reine Verstandesbegriffe, die gewissermaßen die Form vorgeben, in der man Gegenstände einer möglichen Erfahrung denkt. Fichte hingegen bezieht sie auf eine sehr abstrakte Weise ausschließlich auf die Begriffe des unendlichen Ich, des endlichen Ich und des Nicht-Ich. Fichte lässt offen, wie genau er sich die Überleitung seiner abstrakten Kategorien auf Kants Verstandesbegriff vorstellt. Insofern ist Fichtes Herleitung der Kategorien nur ansatzweise eine Vervollständigung von Kants Philosophie, bzw. Fichte bleibt auf halbem Weg stecken.

0 0 peterreins peterreins2026-06-09 20:24:212026-06-09 20:24:21Kants Kategorien in Fichtes Wissenschaftslehre
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