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Haidt 6: Exkurs: Die Moral der Rationalität

12. Juli 2026/0 Kommentare/in Exkurs: Haidt - Die Macht der Moral/von peterreins

Unter Rationalität verstehe ich, dass man die Wahrheit der Behauptungen, die man vertritt, durch stichhaltige Gründe zu rechtfertigen versucht.

Zur Rationalität gehört einerseits das Streben nach objektiver Wahrheit, andererseits das argumentative Rechtfertigen durch gute Gründe. Der Inbegriff von Rationalität ist die Wissenschaft.

Nun ist es so, dass nicht nur das, was man für moralisch gut und schlecht hält, stark von der Gruppe abhängt, sondern auch das, was ein Einzelner gewöhnlich für wahr oder für falsch hält. Wenn alle sagen, dass sich die Sonne um die Erde dreht und nicht umgekehrt, dann ist es für einen Einzelnen schwer dagegenzuhalten. Selbst wenn man gute Argumente für eine neue Ansicht hat, so ist nicht zu unterschätzen, wir stark die menschliche Vernunft ist, gute Argumente für die eigene Meinung zu finden.

Wenn das, was wir für wahr oder falsch halten, stark von der Gruppe abhängig ist, in der wir leben, dann kann man sich fragen, ob dann Rationalität überhaupt möglich ist?

Tatsächlich scheinen viele psychologische Studien die menschliche Rationalität eher in Frage zu stellen. Bekannt ist z.B. der sogenannte Bestätigungsfehler. Menschen neigen dazu, neue Befunde so auszusuchen und zu deuten, dass sie bestätigen, was man bereits annimmt. Wir sind gut darin, die Behauptungen anderer in Frage zu stellen, aber wenn es unsere eigenen Meinungen geht, verteidigen wir sie gewöhnlich bis aufs Messer[1]. Gescheite Leute sind nicht unbedingt besser als andere, die Wahrheit zu erkennen, sondern vor allem darin besser, ihre eigenen Meinungen „rational“ zu rechtfertigen.

Sehen wir uns einmal an, wie Wissenschaft faktisch praktiziert wird.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts unternahm Michal Faraday eine Reihe von Experimenten, um den Elektromagnetismus empirisch zu erforschen. Er dokumentierte sorgfältig sowohl seine Messergebnisse als auch den Versuchsaufbau seiner Experimente. Das ist deswegen wichtig, weil nur auf diese Weise seine Experimente von anderen nachvollziehbar waren. Wissenschaftliches Experimentieren ist keine Privatangelegenheit des einen Experimentators. Vielmehr gelten die experimentellen Ergebnisse erst dann als wahr, wenn die Gemeinschaft der Wissenschaftler sie anerkannt hat.

J.C Maxwell entwickelte auf der Grundlage von Faradays empirischen Daten seine Theorie des Elektromagnetismus, die er 1865 veröffentlichte. Das Revolutionäre daran war, dass sie nicht mit dem damals gängigen mechanistischen Weltbild in Einklang zu bringen war. Dennoch wurde diese Theorie bald als wahr anerkannt. Warum? Nicht weil man Maxwell für ein Genie hielt, das immer recht hat, sondern weil die Mehrheit der anderen Physiker seine Theorie überprüften und die Argumente für ihre Richtigkeit anerkannten.

Interessant ist auch, wie die sog. Fermatsche Vermutung bewiesen worden ist. Der Mathematiker Andrew Wiles arbeitete sieben Jahre lang an dem Beweis. Als er glaubte, den Beweis fertig zu haben, stellte er ih 1993 erstmals in einer Vorlesung vor. Kurz danach haben aber andere Mathematiker eine Lücke in seiner Argumentation entdeckt. Wiles brauchte noch einmal ein Jahr, um diese Lücke zu schließen. Heute gilt sein Beweis als korrekt, weil andere Mathematiker ihn sorgfältig überprüft haben.

An diesen drei Beispielen sieht man, dass Wissenschaft keine Privatsache ist, sondern wesentlich durch eine Gemeinschaft von Wissenschaftlern konstituiert wird. Faradays Experimente mussten von anderen nachvollziehbar sein, Maxwells Theorie musste andere Physiker überzeugen, Wiles‘ Beweis musste von anderen Mathematikern überprüft werden. Ohne diese Izu keinen nstanz anderer Wissenschaftler ist Wissenschaft keine Wissenschaft.

Karl Popper vergleicht das Vorgehen in der Wissenschaft mit einem „Schwurgerichtsverfahren“[2] in dem die Gemeinschaft der Wissenschaftler über die Wahrheit oder Falschheit bestimmter Behauptungen zu entscheiden haben. Auch nach Otto Neurath ist Wissenschaft ein intersubjektives Projekt. Eine Schlussfolgerung, die sowohl Popper als auch Neurath daraus ziehen, dass Wissenschaft zu keinen absolut gültigen Wahrheiten gelangen kann. Im Kern ist der aktuelle Stand der Wissenschaft ein weitestgehender Konsens von vielen Wissenschaftlern. Weil sich aber jede Gruppe von Menschen täuschen kann, egal wie klug und informiert sie sind, ist Wissenschaft prinzipiell immer revidierbar. Wissenschaft hat keinen Anspruch auf Absolutheit, sondern muss immer wieder aufs Neue überprüft werden.

Dazu kommt noch, dass natürlich auch Wissenschaftler auch nur Menschen. Sie haben Vorurteile, werden durch persönliche Vorlieben oder Animositäten geleitet, haben vielleicht nur ein bedingtes Interesse daran, was wirklich wahr ist.

Beispielsweise hatte die Gemeinschaft der europäischen Wissenschaftler bis Anfang des 19. Jahrhunderts fast unüberwindliche Vorurteile gegenüber atheistischen Theorien. Aber selbst Mathematiker sind bisweilen Voreingenommen. Als Lobatschewski (1829) und Bolyai (1832) erstmals ihre Gedanken über nicht-euklidische Geometrien veröffentlichten, wurden sie von den eigenen Kollegen diffamiert, ihre Theorien wurden erst gar nicht wirklich überprüft und akademische Laufbahnen waren für die beiden daraufhin undenkbar.

Wissenschaft ist auf ideale Weise rational, wenn die Gemeinde der Wissenschaftler folgende zwei Eigenschaften hat:

  1. Sie sind vollkommen unvoreingenommen
  2. Sie sind uneingeschränkt an der Wahrheit interessiert

Wohlgemerkt: Sie müssen nicht bereits die Wahrheit besitzen oder gar allwissend sein.

Aber auch wenn eine solche vollkommen unvoreingenommene Gemeinschaft von Wissenschaftlern ein Ideal ist, heißt das nicht, dass Rationalität prinzipiell unmöglich ist. Jemand, der ernsthaft nach belegbarer Erkenntnis sucht, argumentiert nicht für sich selbst. Ihm zählt nicht, was nur ihm richtig erscheint. Vielmehr versucht er die Dinge so darzulegen und zu beweisen, als gäbe es eine solch ideale Wissenschaftsgemeinde, vor der er sich rechtfertigen muss.

Das ist ähnlich wie beim moralischen Verhalten. Menschen achten darauf, sich moralisch korrekt zu verhalten, besonders dann, wenn sie sich von anderen beobachtet fühlen. Und sind andere faktisch nicht gegenwärtig, dann wird korrektes moralisches Verhalten oftmals vor allem dadurch motiviert, dass der Handelnde so tut, als wären andere anwesend, beispielsweise mittels der Vorstellung eines alles sehenden Gottes.

[1] Haidt: Die Macht der Moral, S. 112

[2] Popper: Logik der Forschung, S. 74 f.

0 0 peterreins peterreins2026-07-12 05:43:492026-07-12 05:43:49Haidt 6: Exkurs: Die Moral der Rationalität
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