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STI – Erster Hauptabschnitt: Vom Prinzip des transzendentalen Idealismus

6. September 2026/0 Kommentare/in III. Das cartesische Projekt, III.08 Schelling/von peterreins

Nachfolgend bespreche ich den ersten Hauptabschnitt von Schellings System des transzendentalen Idealismus (STI). Sein Titel lautet: Vom Prinzip des transzendentalen Idealismus[1].

Erinnern wir uns. Descartes forderte auf, versuchsweise an allem zu zweifeln, um zu erkennen, was in jedem Fall unanzweifelbar und insofern völlig gewiss ist. So gelangte er zu seinem „ich denke, also bin ich“, d.h.: alleine das Ich ist absolut gewiss ist. An der Existenz der Außenwelt hingegen, sowie selbst an den Erkenntnissen der Mathematik kann ich zweifeln. Merkwürdigerweise sparte er die Logik von seinem generellen Zweifel aus. Nachdem Descartes das Ich als absolut sicher erkannt hat, ging er daran, das Ich als Ausgangspunkt dafür zu nehmen, all das, was er vorher angezweifelt hat, herzuleiten. Insbesondere versuchte er, die Existenz der Außenwelt aus dem „ich bin“ zu deduzieren.

Auch Schelling sagt, dass am Anfang der Transzendentalphilosophie der Zweifel an der Existenz der Außenwelt steht. Und ganz im Sinne Descartes‘ solle das Objektive aus dem Subjektiven hergeleitet werden. Dass Schellings Ausgangspunkt dafür, ähnlich wie bei Descartes, wieder das „ich bin“ ist, liegt auf der Hand. Beide also, Schelling und Descartes, machen es sich zur Aufgabe, aus dem Satz „Ich bin“ den Satz „es gibt Dinge außer mir“ herzuleiten. So weit die Gemeinsamkeiten. In zwei Punkten bestehen hingegen Unterschiede.

Erstens will Schelling nicht nur überhaupt die Existenz der Außenwelt deduzieren. Vielmehr will er, darüber hinausgehend, sogar darlegen, …

„[…] wie die objektive Welt mit allen ihren Bestimmungen ohne irgend eine äußere Affektion aus dem reinen Selbstbewußtseyn sich entwickelt […].“[2]

Es solle der „Mechanismus des Entstehens der objektiven Welt“ aus dem subjektiven Prinzip vollständig gezeigt werden.

Zweitens ist Schelling viel konkreter darin, was die Struktur des Ichs betrifft. Für Descartes war das Ich im Wesentlichen eine denkende Substanz, d.h. eine Art Ding, an dem die ununterbrochene Reihe der Bewusstseinserlebnisse vorüberzieht. Schelling hingegen unterscheidet, so wie vor ihm bereits Fichte, zwischen dem empirischen Ich und dem reinen Ich. Eine Unterscheidung, die es bei Descartes nicht gibt. Und dieses reine Ich zeichnet sich dadurch aus, dass von allen konkreten Bewusstseinserlebnissen abstrahiert wird, so dass nur die bloße Rückbezüglichkeit des Ich übrigbleibt. Das reine Ich ist wesentlich Selbstbewusstsein, d.h. das Ich, das sich selbst denkt und nichts weiter.

Während also Descartes aus dem Ich, aufgefasst als eine Substanz, deren Akzidenzien die mannigfaltigen Bewusstseinserlebnisse sind, (nur) die Existenz der Außenwelt herleiten will, will Schelling aus dem Ich, aufgefasst als reines sich selbst denkendes Selbstbewusstsein, die „objektive Welt mit allen ihren Bestimmungen“ herleiten. Beide verfolgen eine ähnliche Grundidee, aber Schellings Transzendental-Philosophie hat einen viel weitergehenden Anspruch.

Schelling beschreibt das Selbstbewusstsein als mein „Wissen von mir selbst“, bei dem „das Vorgestellte zugleich das Vorstellende“ ist, „Subjekt und Objekt des Denkens Eins“ sind. Ferner bezeichnet er es als „erstes Wissen“, als „absolut höchstes Prinzip“, als den „lichten Punkt im ganzen System des Wissens“. Außerdem drückt er es durch den Satz „Ich = Ich“ aus, der auf Fichte zurückgeht.

Und wie bei Fichte hat dieses oberste Prinzip den Charakter einer Konstruktionsanweisung ähnlich den Postulaten in der klassischen Geometrie. Eines dieser geometrischen Postulate lautet z.B.: Zu jedem gegebenen Punkt im Raum und jeder Länge kann man einen Kreis um diesen Punkt konstruieren, dessen Radius gleich der gegebenen Länge ist. Ein solcher geometrischer Kreis ist offenbar nur mittels der Konstruktion gegeben. In diesem Sinne schreibt Schelling[3]:

„Daß im Selbstbewußtseyn Subjekt und Objekt des Denkens Eins seyen, kann jedem nur durch den Akt des Selbstbewußtseyns selbst klar werden. Es gehört dazu, daß man zugleich diesen Akt vornehme, und in diesem Akt wieder auf sich reflektiere. – Das Selbstbewußtseyn ist der Akt, wodurch sich das Denken unmittelbar zum Objekt wird, und umgekehrt, dieser Akt und kein anderer ist das Selbstbewußtseyn. – Dieser Akt ist eine absolut-freie Handlung, zu der man wohl angeleitet, aber nicht genöthigt werden kann.“

Und Schelling verweist selbst auf die Analogie zu den Postulaten und Konstruktion in der Geometrie[4].

Ein wesentlicher Schritt bei dieser Konstruktion des Selbstbewusstseins besteht darin, von allem Persönlichen und Individuellen zu abstrahieren. Normalerweise habe ich meine konkreten Gedanken, Gefühle, Wünsche etc.: das ist mein empirisches Ich. Aber zum Selbstbewusstsein im Sinne von Fichte und Schelling gelange ich erst, wenn ich mich ausschließlich darauf konzentriere, nichts anderes als mich selbst als denkendes Subjekt zu denken. Das ist durchaus kein normaler Standpunkt und kann nur durch eine entsprechende geistige Anstrengung geleistet werden, eben die philosophische Anstrengung der Konstruktion des reinen Ich.

Aber wie die geometrische Konstruktion nur funktioniert auf der Grundlage der räumlichen Anschauung, so setzt die Konstruktion des reinen Ich das voraus, was Fichte und Schelling „intellektuelle Anschauung“ nennen[5]. Allerdings unterscheiden sich hier ihre Meinungen. Denn für Fichte ist die intellektuelle Anschauung jederzeit mühelos und unwillkürlich auch im empirischen Bewusstsein gegeben, so wie ja auch die räumliche Anschauung jederzeit meine sinnliche Wahrnehmung begleitet. Schelling hingegen scheint die intellektuelle Anschauung mit der mühevollen und willkürlichen Konstruktion des reinen Ichs gleichzusetzen[6].

Zurück zu Schellings Konzeption der Transzendentalphilosophie. Sie soll eine Wissenschaft sein, die von dem reinen sich selbst denkenden Ich als oberstes Prinzip beginnend im Wesentlichen die ganze objektive Welt rational herleitet. Wissenschaftstheoretisch betrachtet müsste der Satz „Ich = Ich“ ein Axiom sein, aus dem Schelling alles Weitere deduziert. Als Axiom müsste er allerdings unmittelbar einsichtig sein. Umso erstaunlicher ist es, dass Schelling einen Versuch unternimmt, dieses absolut höchste Prinzip seinerseits zu deduzieren.

Ich werde hier nicht auf die Details von Schellings „Deduktion des Prinzips selbst“ eingehen, zumal ich sie im Kern für nicht schlüssig halte. Auffällig aber ist, dass seine Deduktion stark Fichtes Heuristik des ersten Grundsatzes der Wissenschaftslehre von 1794 ähnelt. Beispielsweise gehen beide vom logischen Satz der Identität „A=A“ aus. Und bei beiden spielt dabei das Gefühl des logischen Zwangs eine Rolle. Formal besteht aber ein großer Unterschied, ob man von einer Heuristik oder von einer Deduktion spricht. Sofern es sich um ein oberstes Prinzip handeln soll, halte ich eine Heuristik für korrekter als eine Deduktion.

Noch einen wichtigen formalen Unterschied gibt es. Während Fichtes Wissenschaftslehre von drei obersten Prinzipien ausgeht, kennt Schelling nur eines, eben das „ich denke: Ich“. Rein logisch betrachtet braucht eine Theorie, sofern sie nur einen gewissen Umfang haben soll, mindestens zwei Axiome. Nehmen wir beispielsweise eine Geometrie an, die nur aus dem einen Postulat besteht, dass man um jeden Punkt einen Kreis mit beliebigem Radius ziehen kann. Eine solche Geometrie wäre nichts weiter als eine Ansammlung verschiedenster Kreise, kein einziges wirklich interessantes Theorem wäre beweisbar. Eine solche Geometrie wäre im Prinzip inhaltsleer und vollkommen belanglos.

Rein formal folgt daraus, dass es für Schellings Transzendentalphilosophie zwei Möglichkeiten gibt. Entweder a) liegt ihr tatsächlich nur ein absoluter Grundsatz zugrunde, dann muss sie aber ohne Gehalt sein. Oder b) sie hat einen Gehalt, dann muss es aber in irgendeiner Form doch mehrere Grundsätze geben. Obwohl Schelling behauptet, die Transzendentalphilosophie könne nur ein Prinzip haben, sieht man im weiteren Fortgang, dass sein oberstes Prinzip eine ungeahnte innere Vielfalt birgt. Wie meine ich das?

Sehen wir und dazu die folgende Textstelle an[7]:

„Der Begriff, von dem wir ausgehen, ist der des Ichs, d.h. des Subjekt-Objekts, zu dem wir uns durch absolute Freiheit erheben. Durch jenen Akte nun ist für uns, die wir philosophiren, etwas in das Ich als Objekt, deswegen aber noch nicht in das Ich als Subjekt gesetzt […], unsere Untersuchung wird also so lange fortgehen müssen, bis dasselbe, was für uns in das Ich als Objekt gesetzt ist, auch in das Ich als Subjekt für uns gesetzt ist, d.h. so lange, bis für uns das Bewußtsein unseres Objects mit dem unsrigen zusammentrifft, also bis das Ich selbst für uns bis zu dem Punkt gekommen ist, von dem wir ausgegangen sind.“

Damit sagt Schelling: Der Transzendentalphilosoph hat in einem Akt der Freiheit sich selbst als reines Ich zu denken, so dass sich sein Denken einzig und alleine auf ein „ich denke: Ich“ reduzieren lässt. Dabei ist das erste „ich denke (…)“ das Ich des Philosophen oder auch das „Ich als Subjekt“, das zweite „Ich“ hingegen ist das Objekt seines Philosophierens: das Ich als Objekt. Im obersten Prinzip des Selbstbewusstseins bzw. in der intellektuellen Anschauung gibt es also ein Ich-Subjekt und ein Ich-Objekt: Das(philosophische Ich-Subjekt denkt das Ich-Objekt, welches damit der Gegenstand des Philosophierens ist.

Wäre das Ich-Objekt, über das der Philosoph nachdenkt, immer exakt dasselbe, dann hätte Schellings Philosophie nur einen Inhalt, nämlich: Ich (Subjekt) denke Ich (Objekt). Tatsächlich aber entwickelt sich das Ich-Objekt während Schellings Philosophierens beständig:

von einem Ich1 zu einem Ich2,
von einem Ich2 zu einem Ich3,
von einem Ich3 zu einem Ich4,
etc.

Somit gibt es aber, genau genommen, nicht nur ein Prinzip „Ich denke: Ich“, sondern eine Vielzahl von Prinzipien[8]:

Ich denke: Ich1
Ich denke: Ich2
Ich denke: Ich3
etc.

Man könnte natürlich argumentieren, dass sich diese verschiedenen Entwicklungsstufen des Ich alle im Grunde genommen auf ein und dasselbe Ich beziehen. Es handelt sich um eine Identität in der Vielfalt. Aber Schellings Philosophieren lebt nicht von der Identität, sondern von der sich entwickelnden Vielfalt.

Diese formal-logischen Überlegungen vorweggenommen, wende ich mich dem Zweiten Hauptabschnitt des Systems zu.

[1] STI, I/3, 351 ff.

[2] STI I/3, 378

[3] STI I/3 365

[4] STI I/3 370 f.

[5] Siehe auch I/3, 455 f.

[6] STI I/3 369.

[7] STI I/3 389

[8] Siehe auch I/3, 455

0 0 peterreins peterreins2026-09-06 14:51:422026-09-06 14:51:42STI – Erster Hauptabschnitt: Vom Prinzip des transzendentalen Idealismus
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