Merkmale der ersten und zweiten Reflexionsreihe
Fichte hat im ersten Teil von GWL die drei Grundsätze der Wissenschaftslehre dargestellt.
Meiner Meinung nach handelt es sich hierbei um abstrakte Konstruktionsanweisungen ähnlich wie die Postulate in der Geometrie. In der Geometrie beispielsweise wird postuliert, dass man um jeden Punkt bei gegebenem Radius einen entsprechenden Kreis um diesen Punkt ziehen kann. Fichte sagt in seinen Grundsätzen, dass man ein reines Ich, ein Nicht-Ich, als auch ein Ich und ein Nicht-Ich, die sich gegenseitig beschränken, abstrakt konstruieren kann. Fichte macht deutlich, dass es sich bei diesen Konstruktionen um nichts handelt, was im normalen, alltäglichen Leben vorkommen würde, sondern dass sie nur im wissenschaftlichen Kontext existieren. Auch das ist ähnlich wie in der Geometrie, denn beispielsweise perfekt gezirkelte Kreise gibt es auch normalerweise nicht, sondern nur im Rahmen eines mathematischen Beweises.
Im zweiten Teil von GWL entwickelt Fichte die sog. erste Reflexionsreihe der theoretischen Philosophie, genau genommen in den Abschnitten B, C, D und E. Noch im zweiten Teil ab Seite 217 findet eine Zäsur statt und Fichte erklärt, warum es eine zweite Reflexionsreihe geben muss und worin sich die beiden Reflexionsreihen unterscheiden. Die zweite Reflexionsreiche der theoretischen Philosophie stellt Fichte dann ab S. 227 unter dem Titel Deduction der Vorstellung dar, sowie in dem der GWL nachfolgenden Werk GEW.
Worin soll der Unterschied zwischen diesen beiden Reflexionsreihen bestehen? Fichte schreibt[1]:
„Diese vorhergehende Reihe der Reflexion, und die künftige sind zuvörderst unterschieden ihrem Gegenstande nach. In der bisherigen wurde reflectirt über Denkmöglichkeiten. […] In der künftigen Reflexionsreihe wird reflectirt über Facta […].“ [meine Unterstreichungen]
Das heißt: Wenn Fichte in den Abschnitten B, C, D und E über „Ich“, „Nicht-Ich“, „Kausalität“, „Substanz“, „Einbildungskraft“ und „Anstoss“ etc. geschrieben hat, so meinte er das nicht im Sinne von tatsächlichen Fakten, so wie wir sie normalerweise erleben, sondern im Sinne von Denkmöglichkeiten. All das sind vielmehr, so wie vorher bereits die drei Grundsätze der Wissenschaftslehre, abstrakte Konstrukte. Die Schwierigkeit beim Verständnis von Fichtes Texten besteht darin, dass man unwillkürlich versucht, seine Begriffe und die Aussagen, die er in der Wissenschaftslehre macht, auf das normale, „empirische“ Leben anzuwenden. Hier machen sie aber keinen Sinn, genauso wenig wie geometrische Beweisführungen. So wie der Mathematiker den Satz von Pythagoras beweist, indem er künstlich Linien zieht, deren Sinn zunächst unklar ist, so konstruiert Fichte abstrakte Begriffe und Zusammenhänge, die zunächst eben nur künstliche Denkmöglichkeiten sind.
Das „End-Resultat“ dieser Herleitungen ist eine abstrakte Beschreibung der Funktionsweise der „produktiven Einbildungskraft“, sowie die Notwendigkeit eines „Anstosses“ auf Ich. Aber damit ist die theoretische Philosophie noch nicht am Ende:
„Soll der theoretische Theil der Wissenschaftslehre erschöpft seyn, so müssen alle zur Erklärung der Vorstellung nöthige Momente aufgestellt und begründet seyn; und wir haben demnach von nun an nichts weiter zu thun, als das bis jetzt erwiesene anzuwenden und zu verbinden.“
Der Zweck der zweiten Reflexionsreihe besteht darin zu zeigen, dass es sich bei den Herleitungen der Abschnitte B, C, D und E eben nicht nur um abstrakte Denkmöglichkeiten handelt, die möglicherweise mit der Realität nichts zu tun haben, sondern dass sie auch „wahr“ sind:
„Nun soll aber der unserer Untersuchung an die Spitze gestellte Satz wahr seyn, d.i., es soll ihm in unserem Geiste etwas correspondieren; […].“[2]
Die abstrakte Denkbarkeit seines Systems, soll sich nun also auf Facta des Bewusstseins anwenden lassen, die nicht künstlich hervorgebracht sind, sondern, wenn man so will: an echten Facta des Bewusstseins, so wie sie im alltäglichen, konkreten Bewusstsein eines Menschen konkret vorliegen:
„Die Wissenschaftslehre soll seyn eine pragmatische Geschichte des menschlichen Geistes […].“
Im Sonnenklaren Bericht versucht Fichte, den Unterschied zwischen der ersten und zweiten Reflexionsreihe noch verständlicher zu machen. Fichte bemüht den Vergleich mit dem Bauplan einer Uhr, den man nur aufgrund seiner theoretischen Kenntnisse der Mechanik entwirft. Dabei unterscheidet Fichte zwei Schritte. Erstens wird das abstrakte Modell konstruiert, und zwar bis auf ein bekanntes Teilchen vollkommen a priori, d.h. ohne das faktische Bewusstsein bzw. die tatsächliche Uhr für die a priori Konstruktion zu Hilfe zu nehmen. Aber sobald man mit dem abstrakten Modell fertig ist, überprüft man im zweiten Schritt, ob es im Großen und Ganzen mit dem Faktum übereinstimmt. Dementsprechend ist die erste Reflexionsreihe ein a priori entworfenes, abstraktes Abbild des tatsächlichen Bewusstseins, während die zweite Reflexionsreihe ein Nachweis der hinreichenden Übereinstimmung mit den Fakten sein soll.
Das heißt: Fichte versucht zunächst einen theoretischen Plan der Funktionsweise des Bewusstseins im Allgemeinen zu erstellen. Dabei will er sich nicht den auf das faktische Bewusstsein beziehen. Vielmehr soll der Plan a priori konstruiert werden. Dabei hat der Philosoph die Stellung eines Beobachters von außen auf das reine Ich bzw. auf die Konstruktionen, die Fichte auf der Basis des reinen Ich vollzieht. Sprachlich behandelt Fichte das Ich hier durchgehend in der dritten Person. Fichte gibt zu, dass diese erste Reflexionsreihe etwas künstlich-unnatürlich ist. Die zweite Reflexionsreihe hingegen wird zwischen grammatisch zwischen der ersten und dritten Person schwanken. In der ersten Person erlebe ich die „Facta des Bewusstseyns“ direkt, aus der Position der dritten Position heraus wird nachgewiesen, dass die abstrakten Herleitungen mit diese Fakten übereinstimmen.
Schließlich behauptet Fichte, dass es zwischen der ersten und der zweiten Reflexionsreihe eine Verknüpfung gibt. Der Endpunkt der ersten Reflexionsreihe, also produktive Einbildungskraft und Anstoß aufs Ich, sollen der Starpunkt der zweiten Reflexionsreihe sein. Gemäß dem bisher Ausgeführten muss das bedeuten, dass Einbildungskraft und Anstoß zwei Seiten haben muss wie eine Münze: erstens als abstraktes Konstrukt, zweitens als Faktum des Bewusstseins. Fichte drückt sich so aus[3]:
„[…] so ist das aufgestellte [Endresultat der ersten Reflexionsreihe] zugleich ein ursprünglich in unserem Geiste vorkommendes Factum“ [meine Einfügung]
Dass die produktive Einbildungskraft eine so zentrale Rolle in Fichtes theoretischer Philosophie spielt, ist sicherlich kein Zufall. Denn auch bei Kant ist sie von größter Bedeutung. Der Unterschied ist nur, dass sie bei Kant schlicht gegeben ist, während Fichte sie aus obersten Grundsätzen hergeleitet hat. Im nächsten Beitrag zeige ich, dass die Fakten der zweiten Reflexionsreihe Fichtes im Wesentlichen die geistig-seelischen Vermögen sind, die man alle auch bereits in Kants Kritik der reinen Vernunft findet.
Wie gesagt denke ich, dass Fichtes Begriff der Einbildungskraft einerseits ein abstrakt hergeleitetes Konstrukt ist und als solches einen ähnlichen theoretischen Status hat wie ein geometrischer Beweis. Andererseits ist die Einbildungskraft ein „Factum des Bewusstseyns“. Für letzteres gibt es einen phänomenologischen Befund, der durch das wesentliche Merkmal bestimmt ist, das Fichte der Einbildungskraft zuschreibt: nämlich das „Schweben“. Dieses Schweben identifiziert Violetta L. Waibel mit dem Bewusstseinsstrom, den jeder Mensch andauernd erlebt[4]:
„Das Schweben zwischen Bestimmung und Nicht-Bestimmung ist im Zustand der Bestimmung Bild, Gedanke, Konkretion, oder was auch immer Gegenstand des Bewusstseins ist, im Zustand der Nicht-Bestimmung ist es Offenheit, Unbestimmtheit, bereit für eine neue Bestimmung. Das Bewusstsein kann sich passiv, wie wir wissen, einem ungeordneten Strom von ‚Ein-Fällen‘, dem was ins Bewusstsein drängt, überlassen, es kann aber auch den Strom der Abfolge des Bewusstseins lenken, kontrollieren, durch Spontaneität, Gerichtetheit. […]
Ein Bewusstsein als Strom, als Schweben zwischen Bestimmung und Nicht-Bestimmung, das Fortfließen kann nur dann als Fortfließen erfasst, begriffen werden, wenn der Fluss selbst in einem Wechselverhältnis mit dem steht, was sein Gegenteil ist, das Stillstehen, Festhalten.“
Fasst man das faktische Werk der Einbildungskraft phänomenal als Bewusstseinsstrom auf, dann erklärt das erstens Fichtes Aussage, dass „alle Realität […] bloss durch die Einbildungskraft hervorgebracht“[5] werden soll, und zweitens inwiefern Fichte alle weiteren „Facta des Bewusstseyns“ aus der Einbildungskraft herleiten will.
[1] GWL, FW I, S. 221 f.
[2] GWL, FW I, S. 220
[3] FW I, S. 219.
[4] V.L.Waibel: Schweben der Einbildungskraft, Anschauung überhaupt, Begriff, S. 69 f.
[5] FW I, S. 227

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