Haidt 5: Gruppenzugehörigkeit als Triebfeder der Moralität
Haidt stellt Die Macht der Moral seine Theorie dar, die er sozial-intuitives Modell nennt[1].
Das sozial-intuitive Modell
- Ein bestimmtes Ereignis löst bei A ein intuitives moralisches Gefühl aus. Beispiele dafür sind:
- Mitgefühl mit einem in notgeratenen Menschen
- Das Gefühl, unfair behandelt worden zu sein
- Empörung über das willkürliche Verhalten eines Tyrannen
- Respekt für eine Autoritätsperson
- Teamgeist
- Ehrfurcht vor einem als heilig empfunden Ort
- Basierend auf der moralischen Intuition bildet sich A ein bewusstes Urteil, z.B.:
- „Anderen zu helfen ist gut.“
- „Betrüger sind schlecht“
- „Man sollte sich gegen Tyrannen zur Wehr setzen.“
- „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.“
- „Als Team Dinge zu erreichen ist gut“
- „Man soll sich dem Presbyterium mit Ehrfurcht nähern“
- Stellt eine andere Person B das geäußerte moralische Urteil von A in Frage, dann wird A versuchen, seinem Urteil eine rationale Rechtfertigung zu geben. Die Vernunft ist hierbei wie ein Advokat. Es geht nicht darum, was wirklich die Wahrheit ist, sondern nur darum die eigene Position möglichst klug zu verteidigen.
- Eine andere (nicht-rationale) Weise, wie B sich dazu bringen lässt, das Urteil von A zu übernehmen, ist der soziale Einfluss. A bildet zusammen mit anderen Menschen eine Gruppe, die alle dasselbe moralische Urteil fällen, und B will zu dieser Gruppe gehören.
- Was hingegen so gut wie nie vorkommt, ist nach Haidt, dass A für sich alleine versucht sein Urteil zu rechtfertigen. Einsame, innerliche Reflexionen über moralische Urteile sind eher die Ausnahmen.
Gemäß diesem Modell ist es also nicht die vernünftige Rechtfertigung und noch weniger die innere logische Reflexion, die jemanden von einem moralischen Urteil überzeugen, sondern einerseits eine unmittelbare moralische Intuition, sowie andererseits das menschliche Bedürfnis, einer Gruppe anzugehören. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Deswegen ist es dem Einzelnen wichtig, was die anderen in der Gruppe über ihn denken und reden. Ihm ist Reputation und soziales Ansehen wichtig. Deswegen will er eine Bestrafung oder Ächtung durch die Gruppe vermeiden. Vielleicht ist sogar die wichtigste Triebfeder für moralische Verhalten, die Angst, dass andere schlecht über einen reden könnten.
Das gilt übrigens auch für Personen, die von sich behaupten, keinen Wert auf die Meinung anderer zu legen, wie eine Studie von Mark Leary gezeigt hat[2]. Die einzigen, denen die Meinung anderer wirklich unwichtig zu sein scheinen, sind Psychopathen.
Dabei geht es mehr um Schein als um Sein. Je mehr das Handeln des Einzelnen durch die Gruppe sichtbar oder kontrollierbar ist, umso moralischer verhält sich der Einzelne. Je sicherer sich der Einzelne fühlt, unbeobachtet zu sein, umso unwichtiger ist ihm die Moral.
Dynamik des Wandelns von Gruppen-Moralen
Innerhalb einer Gruppe mit einer bestimmten Moral bildet sich bisweilen eine Untergruppe, die sich nicht an die Vorgaben der üblichen Gruppenmoral halten möchte. Diese Untergruppe wird damit für die Mehrheit der anderen Gruppemitglieder zu einer Horde von Verbrechern, Ausgestoßenen, Unmoralisten oder Revolutionären. Gewinnt diese Untergruppe immer mehr Überhand, so verändert sich die Gruppenmoral.
Beispiele: Die antike Gesellschaft hat sich durch die Frühchristen moralisch gewandelt. Die westlichen Gesellschaften sind durch die Jugendbewegungen der 1960er-Jahre sexuell freizügiger und offener geworden. Außerdem haben sich Frauen in den letzten Jahrzehnten immer mehr emanzipiert. Der Iran hingegen hat sich durch den Sieg der islamischen Revolution 1979 von einer weltoffenen, westlich orientierten Gesellschaft zu einer konservativen und patriarchalischen Gesellschaft gewandelt.
Glaubt man daran, dass eine solche Bewegung, die die Moral einer Gruppe verändert, von einem einzigen Individuum ausgeht, dann spricht man manchmal von einem Religionsgründer oder eine „große“ einzelne Gründerpersönlichkeit. Nietzsche glaubte, dass hinter einer moralischen Dynamik immer ein solches „großes“ Individuum steht. Und er sah vor allem den Gegensatz zwischen der Gruppenmoral und dem, was ein unabhängige Individuum gewissermaßen als Freigeist will. Ich hingegen denke, dass es viele moralische Veränderungen gibt, ohne dass man sie auf einen „großen“ Einzelnen zurückführen könnte, sondern eher einer Art Gruppendynamik entspringt.
[1] Haidt: Die Macht der Moral, S. 73.
[2] M. Leary: The Curse of the Self: Self-Awareness, Egoism, and the Quality of Human Life. Oxford University Press, 2004. Siehe auch Haidt: Die Macht der Moral, S. 109 f.

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