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STI – Zweiter Hauptabschnitt: Allgemeine Deduktion des transzendentalen Idealismus

10. September 2026/0 Kommentare/in III. Das cartesische Projekt, III.08 Schelling/von peterreins

Nachfolgend bespreche ich den zweiten Hauptabschnitt von Schellings System des transzendentalen Idealismus (STI). Sein Titel lautet: Allgemeine Deduktion des transzendentalen Idealismus[1].

Wie gesagt will Schelling „die objektive Welt mit allen ihren Bestimmungen“ bzw. den „Mechanismus des Entstehens“ der objektiven Welt aus dem einen Prinzip des „ich denke: Ich“ herleiten. Damit stellt sich Schelling auf den idealistischen Standpunkt, nämlich dass es „keinen anderen Grund der Realität des Wissens“ gebe als das Ich[2]. Das ist natürlich eine gewagte Behauptung.

Bevor sich Schelling aber an die konkrete Deduktion der objektiven Welt aus dem Ich macht, will er zunächst allgemein beweisen, dass eine solche Deduktion überhaupt möglich ist. Das will er in diesem Hauptabschnitt tun. Dabei geht er von seinem obersten Prinzip aus, das man in folgenden Varianten verstehen kann:

„ich denke: Ich.“
„Ich-Subjekt denke: Ich-Objekt.“
„ich als philosophisches Subjekt denke: Ich als Objekt der philosophischen Untersuchung“.

Im Fortgang der Deduktion bleibt er stets bei diesem Grundsatz treu, allerdings wandelt sich das Ich-Objekt.

Das Verständnis dieses Hauptabschnitts wird dadurch erschwert, dass Schelling mit dem Ich-Objekt unvermittelt etwas meint, das man normalerweise gerade nicht als Ich versteht. Es ist nämlich erstens nicht das empirische Bewusstsein, aber auch nicht das reine Ich Fichtes im Sinne eines sich selbst denkenden Ichs, das gewonnen wird, indem ich von allem Persönlichen abstrahiere. Das Ich hingegen, von dem Schelling spricht, soll die metaphysische Voraussetzung dafür sein, dass es ein empirisches oder reines Bewusstsein überhaupt geben kann. Und dieses Ich, das Bedingung der Möglichkeit jeglichen Bewusstseins sein soll, ist nach Schelling ein blindes, bewusstloses, irgendwie aktives metaphysischen Prinzip, das Schelling auch „ursprüngliches Ich“ oder auch „absoluten Akt“ nennt[3]:

„Ich finde […] durch Philosophie, daß ich mir selbst in jedem Augenblick nur durch einen solchen [absoluten] Akt entstehe, ich schließe also, daß ich ursprünglich gleichfalls nur durch einen solchen entstanden sein kann.“

Und dieses metaphysische Prinzip kann man zwar denken und man kann versuchen, Erkenntnisse darüber zu erschließen, aber es ist kein Gegenstand unmittelbarer Anschauung. Das steht natürlich im Widerspruch dazu, dass Schelling an anderer Stelle behauptet, seine Philosophie beruhe auf einer (wie auch immer gearteten) intellektuellen Anschauung. So schreibt er z.B., dass seine „ganze Philosophie auf dem Standpunkt der Anschauung, nicht auf dem der Reflexion steht“[4]. Was aber angeschaut wird, muss nicht erschlossen werden. Dann stellt sich sofort die Frage nach dem Wahrheitsgehalt eines solchen nicht unmittelbar angeschauten, sondern erschlossenen Wissens über das Ich. Diese Frage stellt sich auch Schelling selbst:

„Nun stellt sich die Frage, wodurch der Philosoph sich jenes ursprünglichen Akts versichere, oder um ihn zu wissen. Offenbar nicht unmittelbar, sondern nur durch Schlüsse.“[5]

Die Antwort, die Schelling darauf gibt, ist, recht besehen, nicht wirklich befriedigend[6]. Er unterscheidet nämlich zwischen einem „ursprünglichen, absoluten Akt“ eines blinden, metaphysischen „Vernunftwesens an sich“, und einem „sekundären, willkürlichen Akt“ des denkenden Philosophen. Das, was Schelling im zweiten Hauptabschnitt ausführt, ist der sekundäre Akt, der den Charakter einer wissenschaftlichen Konstruktion hat, allerdings ohne in einer Anschauung zu gründen, wie es z.B. bei der Geometrie der Fall ist. Schelling behauptet nun, dass der sekundäre Akt, d.h. die philosophische Konstruktion, deswegen wahr sei, weil sie den ursprünglichen Akt „nachahmen“ würde. Schelling geht sogar so weit zu behaupten:

„Philosophie überhaupt ist […] nichts anderes als freie Nachahmung, freie Wiederholung der ursprünglichen Reihe von Handlungen, in welchen der Eine Akt des Selbstbewußtseyns sich evolviert.“[7]

Wie soll man aber etwas nachahmen können, das man nicht wahrnehmen, erkennen oder anschauen kann? Wie sollte man überprüfen können, dass eine derartige Nachahmung von etwas Nicht-Erkennbarem korrekt ist? Den einzigen Ansatz einer Antwort darauf gibt Schelling durch die Berufung auf ein „philosophisches Talent“, das darin bestehe, …

„[…] nicht alleine die Reihe der ursprünglichen Handlungen frei wiederholen zu können, sondern hauptsächlich darin, sich in dieser freien Wiederholung wieder der ursprünglichen Nothwendigkeit jener Handlungen bewußt zu werden.“[8]

Das ist aber eigentlich eine irrationale Antwort, weil sich hier die Katze in den Schwanz beißt. Die Herleitung ist wahr, weil der Philosoph „Talent“ hat. Und wie erkenne ich, dass er Talent hat? Weil seine Herleitungen wahr sind. Damit lässt Schelling die Frage, wie man überprüfen kann, dass eine Nachahmung des metaphysischen, ursprünglichen Ich korrekt ist, im Grunde unbeantwortet und verlässt sich stattdessen auf die vermeintliche Korrektheit seiner rational-logischen Deduktionen. Bedenkt man, dass es gerade einmal neunzehn Jahre her ist, dass Kant seine Kritik der reinen Vernunftveröffentlicht hat. dann ist Schellings Rückfall in derartige metaphysischen Spekulationen durchaus erstaunlich.

Dies vorweggenommen, wende ich mich jetzt den einzelnen Gedankenschritten von Schellings metaphysischer Spekulation über ein ursprüngliches, blindes Ich zu, das seiner Meinung nach die Bedingung jeglichem Bewusstseins ist. Diese Gedankenschritte sollen, wie gesagt, philosophische Konstruktionen sein, die nicht den Anspruch haben, das ursprüngliche Ich zu sein, sondern es nur nachzuahmen.

Ich denke: Ich1 als ursprünglich unendliche Tätigkeit

Das metaphysische, blinde Ich, das die Bedingungen jeglichen Bewusstseins sein soll, ist nach Schelling zunächst eine ursprünglich unendliche Tätigkeit. Dass das so ist, glaubt Schelling beweisen zu können, diesen „Beweis“ überspringe ich hier aber[9]. Natürlich kann ich als Philosoph dieses unendliche, metaphysische Ich1 nicht selbst beobachten. Stattdessen vollziehe ich eine philosophische Konstruktion, die diesen metaphysischen Urgrund nachahmt[10]. Vielleicht stelle ich mir dieses unendliche Ich als unendliche Linie vor oder als sich ins Unendliche expandierende Sphäre. Nachfolgend werde ich diese Konstruktion „Ich1“ nennen. In jedem Fall soll Ich1, wie Schelling schreibt, eine Nachahmung oder Kopie des echten unendlichen Ich sein.

Wäre Ich1 alleine nur unendliche Tätigkeit, dann wären wir bereits am Ende. Nach Schelling soll Ich1 aber zusätzlich mit dem Drang versehen sein, sich selbst anzuschauen. Das metaphysische Ich wolle zum Bewusstsein seiner selbst gelangen. Da Schelling meint, dass „sich anschauen“ impliziert „sich begrenzen“, müsste man das Ich somit als sich selbst begrenzend konstruieren. Auf diese Weise verändert sich der Gegenstand der philosophischen Untersuchung zu Ich2.

Schellings Ich1, die mit einem Drang zur Selbsterkenntnis ausgestattete unendliche Tätigkeit, erinnert an Fichtes ersten Grundsatz der Wissenschaftslehre, an die unendliche Realität des Ich=Ich. Allerdings gibt es einen Unterschied. Bei Fichte wird ein sich selbst denkendes Ich konstruiert, das in dem Moment der Konstruktion zur Existenz kommt. Bei Schelling hingegen soll die Konstruktion nur eine Nachahmung eines metaphysischen Prinzips sein, das selbst schon vor der Konstruktion existiert und als solches nicht erkennbar ist.

Ich denke: Ich2 als sich selbst begrenzende Tätigkeit

Will man die Konstruktion des Ich1 so ergänzen, dass es mit dem Ziel, sich selbst zu erkennen, sich selbst beschränkt, dann erhält man eine neue Konstruktion, die ich nachfolgend Ich2 nennen möchte. Dazu muss sich Ich2 so konstruieren, dass ihm ein Nicht-Ich entgegensetzt wird, ansonsten handelt es sich um keine Begrenzung. Ich als Philosoph setze dem Ich ein Nicht-Ich als absolute Negation des Ich entgegen. Eine Möglichkeit für eine solche Konstruktion besteht darin, sich eine Hemmung der ins Unendliche strebenden Expansion vorzustellen. Ich2 ist durch ein Nicht-Ich begrenzt, wobei ich als Philosoph diese Entgegensetzung sehe, nicht aber Ich2. Das aber, was mir als Philosophen bewusst ist, soll auch dem Ich2 bewusst werden. Dazu muss ich die Konstruktion erneut verändern und gelange zu einem Ich3.

Dieser Teil von Schellings Deduktion erinnert an Fichtes zweiten Grundsatz der Wissenschaftslehre, an die absolute Negation des Nicht-Ich. Bei Fichte entsteht das Nicht-Ich erst durch eine bewusst philosophische Konstruktion. Bei Schelling hingegen soll die Konstruktion ein Nicht-Ich nachahmen, dass bereits vor der Konstruktion auf metaphysische, eigentlich unerkennbare Weise existiert.

Ich denke: Ich3 als in Wechselwirkung stehend mit dem Nicht-Ich

Wie gesagt soll Schellings philosophische Konstruktion das Ich nachahmen, wie es an sich als blindes, metaphysisches Prinzip existiert als Bedingung der Möglichkeit von Bewusstsein. Dazu nimmt Schelling an, dass das metaphysische Ich danach strebt, sich selbst zu erkennen. So konstruiert er aus dem Ich2 ein Ich3, dessen Wesensmerkmal darin besteht, dass das Ich3 einen Teil seiner Realität an das Nicht-Ich abgibt. Das, was das konstruierte Nicht-Ich ist, ist Ich3 nicht. Und das, was das Ich3 ist, ist das konstruierte Nicht-Ich nicht. Beide, Ich3 und Nicht-Ich stehen in Wechselwirkung zueinander und begrenzen sich dabei gegenseitig. Ich als Philosoph weiß aber, dass alle Realität vom Ich3 ausgeht, dass also das Ich3 zwar begrenzt ist, aber dennoch an sich unendliche Tätigkeit ist. Deswegen muss aus Ich3 ein Ich4 konstruiert werden, das neben der Begrenztheit des Ich auch dessen Unendlichkeit berücksichtigt.

Dieser Teil von Schellings Deduktion erinnert an Fichtes dritten Grundsatz der Wissenschaftslehre. Allerdings gibt es auch hier wieder den Unterschied, dass Schelling damit eigentlich eine über die Konstruktion hinausgehende, metaphysische Erkenntnis gewinnen will.

Ich denke: Ich4 als unendliches Werden

Das Postulat ist nun, Ich4 so zu konstruieren, dass es unbegrenzt ist, nur indem es begrenzt wird. Das gelingt Schelling, indem er es als unendliches Werden auffasst. Als unendliches Werden ist es beschränkt, hebt aber beständig die Schranke wieder auf: eine unendliche Erweiterung der Schranke. Auf der anderen Seite ist Ich4 nur dadurch begrenzt, dass es unbegrenzt ist, nämlich als unendliches Streben. Die Schranke wird nur reell durch das Ankämpfen des Ich4 gegen die Schranke.

So ist die Schranke zugleich ideell, d.h. abhängig von einer begrenzenden Tätigkeit des Ich, und reell, d.h. unabhängig vom darüber hinausstrebenden Tätigkeit des Ich. Die Tätigkeit des Ich, durch die sich das Ich selbst anschauend beschränkt, von der also die Schranke abhängig ist, ist die sog. ideelle Tätigkeit des Ich.  Die Tätigkeit des Ich hingegen, die über die Schranke hinaus ins Unendliche strebt, ist die sog. reelle Tätigkeit des Ich. So setzen sich Idealismus und Realismus gegenseitig voraus. Ebenso setzen sich theoretische (ideelle) Philosophie und praktische (reelle) Philosophie gegenseitig voraus.

Dieser Teil der Deduktion spielt auf Fichtes Antithese A an.

Ergebnis

Schelling wollte mit der geschilderten viergliedrigen Deduktion begründen, mit welchem Recht man annehmen darf, dass der Mechanismus des Entstehens der objektiven Welt alleine aus dem Prinzip „Ich denke: Ich“ herleitbar ist. Inwiefern kann man nun sagen, dass ihm das gelungen ist? Die Antwort lautet: Weil er schließlich das Ich so konstruiert hat, dass es zugleich

a) in einer ideellen/begrenzenden und
b) in einer reellen/ins Unendliche strebende Tätigkeit besteht.

Sofern mit dieser Konstruktion tatsächlich das blinde, metaphysische Ich korrekt nachgeahmt worden, dann hat man eine Erkenntnis gewonnen über die Bedingung der Möglichkeit von Bewusstsein überhaupt. Denn aufgrund von a) kann man sagen, dass das, was das (echte, nachgeahmte) Ich erkennt, letztlich von ihm selbst gesetzt ist. Würde aber nur a) gelten, dann würde es sich dabei um eine bloß subjektive Traumwelt handeln. Dass es aber eine objektive Welt ist, rührt von b) her.

Somit hat Schelling hergeleitet, dass man eine Entstehung der objektiven Welt aus dem Selbstbewusstsein mit Fug und Recht annehmen kann, ohne eine solche Entstehung an dieser Stelle konkret gegeben zu haben. Das versucht Schelling erst später im Text.

[1] STI I/3, 377 ff.

[2] I/3, 378

[3] I/3, 395

[4] I/3, 455

[5] I/3, 395 f.

[6] I/3, 396 f.

[7] I/3, 397

[8] I/3, 397 f.

[9] I/3, 380

[10] Schelling selbst spricht an verschiedenen Textstellen von einer „Konstruktion des Ich“, z.B. inI/3, 397 oder in I/3, 451.

0 0 peterreins peterreins2026-09-10 20:50:442026-09-10 20:50:44STI – Zweiter Hauptabschnitt: Allgemeine Deduktion des transzendentalen Idealismus
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