Fichtes Einbildungskraft und Kants kosmologische Antinomien
Die Einbildungskraft, so wie sie Fichte versteht, vollzieht im Wesentlichen zwei Schritte.
Erstens produziert sie eine Grenze zwischen (endlichem) Ich und Nicht-Ich, die es überhaupt ermöglicht, dass Ich und Nicht-Ich aufeinandertreffen. Zweitens überschreitet die Einbildungskraft diese Grenze, indem sie ins Unendliche strebt. Diese beiden Schritte wiederholen sich aber unaufhörlich. Eine Grenze wird gesetzt, dann wieder überschritten, daraufhin wird wieder eine neue Grenze gesetzt, die wieder überschritten wird, etc. etc. So oszilliert oder schwebt die Einbildungskraft zwischen Grenze und Überschreiten der Grenze, zwischen Endlichem und Unendlichem. Auf diese Weise, so meint Fichte, würde der unaufhörliche subjektive Bewusstseinsstrom entstehen, der wiederum die Realität der Erscheinungswelt konstituiert.
Auch Kant spricht von der produktiven Einbildungskraft, die aufgrund des sinnlich Gegebenen die Erscheinungswelt schafft. Kant ist aber weit entfernt davon, die Tätigkeit der produktiven Einbildungskraft so detailliert zu erklären, wie Fichte es tut. Bei Kant ist die Einbildungskraft, sowie ihr Werk: die Erscheinungswelt, einfach nur ein Faktum. Fichte hingegen entwirft eine Ich-Metaphysik, die dieses Faktum aus obersten Prinzipien dialektisch herzuleiten versucht.
Dennoch findet man die Vorstellung eines unendlichen Prozesses, bei dem unaufhörlich eine Grenze gesetzt wird, um sie anschließend wieder zu überschreiten, durchaus bereits bei Kant. Allerdings nicht im Zusammenhang mit der produktiven Einbildungskraft, sondern im Rahmen der transzendentalen Dialektik bei den kosmologischen Antinomien.
Nehmen wir als Beispiel Kants transzendentale Idee eines absoluten zeitlichen Anfangs. Nach Kant hat sie eine regulative Funktion und meint damit, dass jeder Versuch zu beweisen, dass es einen absoluten Anfang an sich gibt bzw. an sich nicht gibt, zum Scheitern verurteilt ist. Vielmehr stellt die Idee eines absoluten zeitlichen Anfangs eine Aufforderung dar, zu jedem gegebenen, empirisch erfahrbaren Zeitpunkt noch einen früheren erfahrbaren Zeitpunkt zu finden, und so weiter. Das entspricht aber exakt Fichtes Dialektik der unaufhörlichen Grenzsetzung und Grenzüberschreitung. Man muss nur den konkreten Zeitpunkt als Grenze verstehen, der überschritten wird, um einen neuen, früheren Zeitpunkt zu finden, der dann wieder eine Grenze ist, die ihrerseits wieder zu überschreiten ist, etc.
Dieselbe Dialektik vollzieht sich bei der Idee der absoluten räumlichen Begrenzung der Welt, die, kaum dass sie gesetzt ist, immer wieder überschritten wird. Ebenso ist Kants Idee der einfachen materiellen Teilchen im Grunde eine Aufforderung zu einem unendlichem Prozess, zu jedem vermeintlichen Atom wieder nächst kleinere materielle Teilchen zu finden.

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