Die erste Reflexionsreihe der theoret. Philosophie: Kausalität und Substantialität
Der zweite Teil der Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre (GWL) hat den Titel: Grundlage des theoretischen Wissens, und ist identisch mit dem § 4.
Was die Anzahl der Seiten betrifft, ist dieser Teil am umfangreichsten. Seine Gliederung weist eine kleine Inkonsistenz auf, insofern er mit einem Abschnitt A beginnt, in dem Fichte aus dem dritten Grundsatz sowohl das Prinzip der praktischen Philosophie, als auch das Prinzip der theoretischen Philosophie herleitet. Eigentlich müsste dieser Abschnitt vor dem zweiten Teil kommen.
Fichte spricht ausdrücklich von zwei Reflexionsreihen der theoretischen Philosophie[1]. Die erste Reflexionsreihe erstreckt sich auf die Kapitel B bis E des zweiten Teils[2]:
- Synthese B / Wechselbestimmung: S. 127-131
- Synthese C / Kausalität: S. 131-136
- Synthese D / Substantialität: S. 136-145
- Synthese E /Einbildungskraft und Anstoß: S. 145-227
Am Ende des Abschnitts E legt Fichte dar, warum sich die theoretische Philosophie in die zwei Reflexionsreihen aufteilt und welche Bewandtnis es damit hat.
Die zweite Reflexionsreihe der theoretischen Philosophie ist in GWL als „Deduction der Vorstellung“ überschrieben und wird durch ein weiteres Werk Fichtes ergänzt, dem Grundriss der Eigentümlichkeit der Wissenschaftslehre (GEW)[3].
In dem vorliegenden Beitrag werde ich mich mit den Abschnitten B, C und D, also den ersten drei Synthesen der sog. ersten Reflexionsreihe beschäftigen. Dabei werde ich Fichtes Argumentationsketten nicht ausführlich behandeln, die aus meiner Sicht zum Teil sehr schwer verständlich sind. Vielmehr werde ich seine Gedankengänge nur skizzenhaft und grob darstellen.
Synthese B: Wechselbestimmung
Fichte geht aus von Satz Aa), den er aus dem dritten Grundsatz analysiert hat:
Aa: Das Ich setzt sich selbst als bestimmt durch das Nicht-Ich (S. 127 ff.)
Hieraus analysiert Fichte folgende zwei gegensätzliche Sätze:
Ba. Das Nicht-Ich bestimmt (tätig) das Ich.
Bb. Das Ich bestimmt sich selbst (durch absolute Tätigkeit).
Diese beiden Sätze versöhnt Fichte durch die nachfolgende Synthese B.
Synthese B: Wechselbestimmung bzw. Relation:
Das Ich setzt Negation in sich, insofern es Realität in das Nicht-Ich setzt, – und Realität in sich, insofern es Negation in das Nicht-Ich setzt.
Synthese C: Kausalität
Jetzt geht Fichte aus von Satz Ba), den er aus Aa) analysiert hat:
Ba. Das Nicht-Ich bestimmt (tätig) das Ich.
Hieraus analysiert Fichte folgende zwei gegensätzliche Sätze:
Ca. Das Nicht-Ich hat in sich selbst Realität.
Cb. Alle Realität ist im Ich gesetzt und im Nicht-Ich ist keinerlei Realität.
Diese beiden Sätze versöhnt Fichte durch die nachfolgende Synthese C, allerdings, wie wir sehen werden, nur vorläufig.
Synthese C: Kausalität oder das Ich als Bewirktes und das Nicht-Ich als Ursache:
Das Nicht-Ich hat nur Realität, insofern das Ich leidet bzw. insofern das Ich affiziert ist. Das, was tätig ist, heißt Ursache. Das, was leidet, heißt das Bewirkte.
Insofern das Ich leidet (affiziert wird), ist das Nicht-Ich ursächlich tätig (affizierend).
Das Ich bestimmt aktiv, insofern es Tätigkeit/Realität in das Nicht-Ich setzt, und das Ich wird passiv bestimmt (leidet, wird affiziert), insofern das Quantum Tätigkeit/Realität im Nicht-Ich Leiden/Negation bewirkt.
Synthese D: Substanzialität
Jetzt geht Fichte aus von Satz Bb), den er aus Aa) analysiert hat:
Bb. Das Ich bestimmt sich selbst (durch absolute Tätigkeit).
Hieraus analysiert Fichte folgende zwei gegensätzliche Sätze:
Da. Das Ich ist (aktiv) bestimmend.
Db. Das Ich ist (passiv) bestimmt werdend.
Diese beiden Sätze versöhnt Fichte durch die nachfolgende Synthese D, allerdings, wie wir sehen werden, nur vorläufig.
Synthese D: Das Ich bestimmt durch Tätigkeit sein Leiden, sowie durch Leiden seine Tätigkeit.
Diesen Satz legt Fichte mittels des Begriffs der Substantialität aus. Das Ich als Substanz ist die absolute Totalität aller möglicher Realitäten. Die Substanz ist aller Wechsel oder Bestimmbarkeit allgemeinen. Das Ich als Substanz ist der Umkreis aller möglichen spezifischen Realitäten. Das Ich als Substanz ist tätig oder bestimmend, indem es sich in eine dieser möglichen Realitäten setzt. Fichte spricht auch von einer „bestimmten Sphäre“. Das Ich als bestimmte Realität bzw. als bestimmte Sphäre ist ein Akzidenz des Substanz-Ich.
Das Ich als Substanz ist uneingeschränkte Tätigkeit. Das ich als Leiden ist eine Einschränkung dieser Tätigkeit. Das Ich bestimmt aktiv, insofern es uneingeschränkte Bestimmbarkeit im Allgemeinen ist (Substanz-Ich), und das Ich wird passiv bestimmt (als Akzidenz-Ich), insofern es eingeschränkte Tätigkeit/verminderte Realität ist.

Mit diesen Ausführungen zur Kausalität und Substantialität scheint Fichte auf philosophische Vorgänger anzuspielen. Die Idee, dass das Nicht-Ich das passive Ich affiziert, erinnert an Lockes Wahrnehmungstheorie. Demnach würden die Dinge atomare Partikelchen ausstrahlen, die, sobald sie auf die menschlichen Sinnesorgane stoßen, bestimmte Sinneswahrnehmungen verursachen. Aber noch interessanter ist, dass sich Fichte mit seinen Gedanken zur Substantialität des Ich offenbar auf die zeitgenössische Pantheismus-Debatte bezieht[4].
Darauf werde ich im nächsten Beitrag eingehen, bevor ich Fichtes Synthese E behandeln werde, bei der es um den sog. Anstoß aufs Ich und die Einbildungskraft geht, und wodurch Fichtes theoretische Philosophie einen ersten Abschluss findet.
[1] GWL, FW I, S. 221 f.
[2] FW I S. 127-246
[3] Deduction der Vorstellung: FW I, S. 227-246. GEW: FW I, S. 331-411.
[4] Siehe E. Förster: Die 25 Jahre der Philosophie, S. 87 ff.


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