Haidt 7: Sich einander annähern: Das Modell vom Elefanten und seinem Reiter
Oft genug haben wir mit Menschen zu tun, deren Handlungs- und Denkweise uns völlig unverständlich ist.
Den meisten Intellektuellen ist es völlig unverständlich, wie jemand die AfD oder Trump wählen kann. Vielen im Westen sozialisierten Menschen ist eine patriarchalische Gesellschaft fremd, so wie man sie im traditionellen Indien vorfindet.
Wir neigen dazu, solche Menschen, deren Vorstellungen vor richtig und falsch von unserer Moral stark abweichen, für dumm oder für durch andere fehlgeleitet zu halten. Würden sie nur, so meinen wir, vernünftig aufgeklärt werden, dann würden sie ihren Irrtum einsehen und dieselben Dinge für gut und schlecht halten wie wir. Wie gehen auf Konfrontation, greifen ihre Position an und glauben die Vernunft auf unserer Seite zu haben.
Zu unserer Überraschung lässt sich unser Gegenüber auf diese Weise nicht überzeugen. Entweder wird der andere sprachlos, indem er keine Veranlassung dafür sieht, seine Denk- und Handlungsweisen uns gegenüber zu rechtfertigen. Oder er kann sie zu unserer Verwunderung selbst mit rational klingenden Argumenten rechtfertigen. Am Ende steht meine Argumentation gegen seine Argumentation, ohne dass eine Annäherung stattfindet.
Viel sinnvoller ist es zu versuchen, die emotionale Basis der Position des anderen zu verstehen. Man sollte Gemeinsamkeiten erkennen. Erst wenn man Verständnis für die Gefühlswelt des anderen hat und auf diese Weise dem anderen sympathisch geworden ist und Vertrauen aufgebaut, besteht ansatzweise die Chance für eine Annäherung.
Haidt verwendet die Metapher vom Elefanten und seinen Reiter. Seiner Meinung nach darf das menschliche Denken nicht nur auf rationales Nachdenken und Analysieren reduziert werden. Stattdessen unterscheidet er zwei kognitive Prozesse, deren Zusammenspiel er durch die Metapher Elefant und Reiter beschreibt[1]:
Der „Elefant“:
- Automatische Prozesse, einschließlich Emotionen, Intuition.
- Sie laufen schnell und unwillkürlich ab
- Sie geschehen ohne Anstrengung
- Einmal in Fahrt, lassen sich kaum stoppen
- Reagieren auf das, was jetzt gerade da ist, und bedenken nicht die künftigen Konsequenzen
Der „Reiter“:
- Kontrollierte kognitive Prozesse: bewusstes Nachdenken, Analysieren, Begründen, rationales Rechtfertigen
- geschehen kontrolliert und langsam
- mit geistiger Anstrengung
- berücksichtigen künftige Konsequenzen, um jetzt die beste Entscheidung zu treffen
- Kann neue Fähigkeiten erlernen, neue Technologien meistern, damit der Elefant seine Ziele erreicht
- Kann bis zu einem gewissen Maße den Elefanten lenken
- Ist sehr geschickt darin, das rational zu rechtfertigen, was der Elefant gerade getan hat.
- Der Reiter ist ein erstklassiger Vollzeit-Werbeprofi des Elefanten
Greifen wir einen Menschen an, dann schalten sein Elefant (Emotion) zusammen mit dessen Reiter (Verstand) sofort in den Kampfmodus. Die gegnerischen Positionen verhärten sich dann und eine Annäherung wird so gut wie unmöglich.
Strebt man hingegen nach einer Verständigung, dann sollte man zunächst den Elefanten (d.h. die Emotionen des anderen) dazu bringen, sich einem zuzuwenden. Schafft man das, dann wird auch der Reiter folgen, d.h. dann wird auch der Verstand des anderen offen für ein konstruktives Gespräch sein. Haidt schreibt[2]: „Wenn man die Meinung eines Menschen ändern will, muss man dessen Elefanten ansprechen.“ Was heißt das konkret? Mit Verweis auf Dale Carengie[3] empfiehlt Haidt folgendes:
- Beginne freundlich und lächle!
- Sei ein guter Zuhörer!
- Sage niemals: „Du hast unrecht“!
- Strahle immer Respekt für den anderen, Wärme und Dialogbereitschaft aus!
Aber die wichtigste Regel ist:
- Versetze dich in den Standpunkt des anderen! Versuche die Dinge von seiner Warte aus zu betrachten! Nimm probeweise seine Sichtweise an! Versuche seine Perspektive zu verstehen!
Erst wenn der Boden auf der emotional-sozialen Ebene bereitet ist und der andere das Gefühl hat, dass du offen für seine Sicht auf die Dinge bist, kann man versuchen, den anderen mit rationalen Argumenten zu überzeugen. Oft genug wird der Wechsel der Perspektive dazu führen, dass man auch seinen eigenen Standpunkt ein wenig verändert. Und genau darin besteht die Annäherung: dass man nämlich nicht nur von dem anderen auf arrogante Weise fordert, er solle seine Meinung ändern, sondern dass man selbst auch dazu bereit ist, vom anderen zu lernen.
[1] Siehe auch das Buch von Daniel Kahneman: Schnelles Denken, langsames Denken.
[2] Haidt: Die Macht der Moral, S. 75.
[3] Carnegie: Wie man Freunde gewinnt

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